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Flensburger Tageblatt

24. November 2017 | 19:51 Uhr

Altes Flensburg : Zugang in eine versunkene Welt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Johannistreppe führt mit 69 Stufen vom Sandberg in das Viertel „Achter de Möhl“: Erinnerung an die Mühlenteiche und die alten Fischer

Wer die Gelegenheit hat, die Johannistreppe ohne Zeitdruck als Spaziergänger zu erkunden, geht die Treppenanlage am besten von oben – vom Sandberg – nach unten. Er lässt dann das unsägliche Farbgeschmiere an der oberen Abschlussmauer im Rücken, und er taucht ab in eine verwunschene Ecke der Stadt, die Geschichte an jeder Ecke bietet. Die alten Mühlenteiche und ihr Umfeld, der einstige Fischerhof und ein seinerzeit prominenter Gärtner sind die Zutaten.

Also runter die Stufen, raus aus dem Gründerzeit-Charme des Sandbergs, auf dessen eiszeitlichen Sandhalden die wachsende Stadt um die Jahrhundertwende errichtet wurde. Ein paar Stufen treppab lohnt das Umdrehen. Die obere Abschlussmauer des Bauwerks wirkt wie der Turm einer mittelalterlichen Burg – als müsse die wachsende Welt des Sandbergs gegen das alte Flensburg aus dem Tal verteidigt werden.

Eigentlich ist der Treppenbau liebevoll gestaltet: mit kleinen Sichtscharten und schmückenden, steinernen Kugeln auf den Eckpfeilern. Die schmiedeeisernen Geländer rahmen die Anlage ein. Häufiger hört man die Meinung von Stadtgestaltern, ein liebevoll und sorgfältig gestalteter Bau sei vor Graffiti-Sprayereien geschützt. Denkste! Am Treppenabschluss sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa – ohne Trägern dieses Namens zu nahe treten zu wollen. Man würde sich einen Neuanstrich wünschen, aber wie lange dauert es, bis sich der nächste Schmierer aufgefordert fühlt?

Also lieber umdrehen und weiter abwärts. Das Sammelsurium der kleinen Gassen und Häuser, das sich nach links ausbreitet, vermittelt den Eindruck eines klassischen Kleine-Leute-Viertels. Aus Sicht der Innenstadt war dies das Viertel „Achter de Möhl“. De Möhl – das war die Wassermühle, die einst auf dem Grundstück des heutigen Kaufhauses C  &  A stand. Sie wurde vom Mühlenstrom gespeist, der sein Wasser aus den Mühlenteichen erhielt. Sie reichten einst vom Kloster zum Heiligen Geist bis zum Hang der Backensmühle. Und ihr Wasser umfasste die kleine Siedlung, die von Waitzstraße, Mittelstraße und Teichstraße markiert wird.

Diese Siedlung entstand auf einem Absatz oberhalb des Wasserspiegels der Mühlenteiche und weit früher, bevor diese herrlichen Wasserflächen für den Bau des Bahnhofes Anfang der 1920er Jahre zugeschüttet wurden. Der alte Name für die Waitzstraße – Fischerhof – deutet auf die Lage an den Teichen hin. Im Fischerhof hatte der Amtmann seinen Sitz, der die Verpachtung der Wasserflächen übernahm. Es ist in der Stadtgeschichte leider nicht überliefert, welche Mengen an Fisch aus den Teichen gezogen wurden. Alte Fotos aus der Südstadt zeigen am Damm des Munketoft, heute vor der Front der Berufsfeuerwehr, eine große Steganlage für Fischerboote. Schade, bis auf eine größere Pfütze hinter dem Bahnhof ist von der Idylle der Mühlenteiche nichts nachgeblieben.

Sind die 69 Stufen ins alte Viertel abgelaufen, fällt eine Kuriosität auf. Die Johannistreppe führt den Spaziergänger in die Blumenstraße. Der Blick ringsherum hilft nicht weiter, um die Verwirrung aufzulösen: graue Mauern, Steinflächen und Asphalt – allenfalls ein Löwenzahn, der sich durch das Pflaster drückt. Wer mag denn nur auf den Namen Blumenstraße für diese Öde gekommen sein. Dr. Dieter Pust löst das Rätsel in seinem Buch „Flensburger Straßennamen“: „Die auf dem Grundstück des Gärtners Meyer durchgelegte Straße erhielt den Namen Blumenstraße“, wird ein Beschluss der städtischen Kollegien aus dem Jahr 1887 zitiert. Geehrt wurde der „Kunstgärtner“ Agathon Meyer. „Er wirkte auf dem Gelände des in Flensburg seit dem 16. Jahrhundert bekannten sogenannten Fischerhofes. Diesen hatte sein Vater, der Kunst- und Handelsgärtner Adolph Meyer, 1824 gekauft.“ Eine wirtschaftliche Größe der Gärtnerei rekonstruierte Pust aus einer alten Anzeige: Der Samen- und Blumenhandel hatte seine Geschäftsräume in der Angelburger Straße. Gärtner Meyer empfahl „blühende Topfpflanzen, Garten-, Feld-, und Blumen-Samen, Bouquets, Kränze und Harlemer Blumenzwiebeln.“ Also gab es in der heute öden Blumenstraße einst Beete mit Blumen.

Bleibt noch am unteren Ende der Johannistreppe der kleine Ballestieg. „Balle“ – da war doch was. Den Balle-Rum hat der Kenner noch in Erinnerung, und der Name verweist auf die Branntweinbrenner-Familie Balle. Pust: „Über sieben Generationen hinweg haben die jeweils ältesten Söhne mit dem Namen Ole Christian Balle die Firma übernommen, bis sie 1930 im Firmenverbund Hermann G. Dethleffsen aufging.“ Die Wurzeln der Firma Balle reichen bis 1780 zurück und standen unverändert durch die Jahrhunderte für Rum.

Als Ausstieg aus dem Viertel, in das die Johannistreppe hineinführte, sei der Ballestieg empfohlen. Zwar führt er auf eine Baustelle zu, aber zuvor lohnt der Blick in den an einen stattlichen Park erinnernden Garten des ehemaligen Landratsamtes. Zwar ist das Geschichte seit dem Übergang des alten Kreises Flensburg in den heutigen Kreis Schleswig-Flensburg, aber die alten Gebäude an der Ecke Heinrichstraße/Waitzstraße bieten immer noch Platz für Einrichtungen des Kreises. 

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