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Flensburger Architektur : Ziegelsteine vermitteln Heimatgefühl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die regionale Flensburger Architektur wurde von jungen Künstlern, Architekten, Denkmalpflegern und Museumsdirektoren getragen.

Flensburg | Vor wenigen Wochen ist ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg erschienen. Auf 170 Seiten vermittelt er einen Überblick, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches. Heute: Heimatschutzarchitektur.

Der Stilbegriff Heimatschutzarchitektur löst häufig Fragen aus. Nein, mit der Zeit, die den Heimatbegriff politisch vereinnahmte und missbrauchte, hat diese Architektur nichts zu tun. Vielmehr leitet sich das Wort von der Heimatschutz-Bewegung ab, die sich im gesamten Deutschen Reich nach der Wende zum 20. Jahrhundert formierte. Sie wurde getragen von zumeist jungen Künstlern, Architekten, Denkmalpflegern und Museumsdirektoren.

Auch in Schleswig-Holstein wurde 1908 ein Landesverein für den Heimatschutz gegründet. Sein Ziel war nach der eigenen Satzung, „…die Eigenart und die Denkmäler der Heimat zu schützen, zu pflegen und fortzubilden, besonders in Landschaft und Bauweise“. Es war eine Reaktion auf den Verlust überkommener, regionaltypischer Orts- und Landschaftsbilder und die Überformung durch Gründerzeitarchitektur. Sie beschränkte sich aber nicht auf ein Bedauern, sondern sie wollte pädagogisch auf die Bauschaffenden wirken und eine neue Baukunst befördern.

In Flensburg war der aus Württemberg stammende Stadtbauinspektor und spätere Magistratsbaurat Paul Ziegler (1874-1956) einer der engagierten Förderer dieses Gedankens. Bereits in der Zeit, in der er für die Baupolizeiabteilung verantwortlich war, nahm er aktiv Einfluss auf das Baugeschehen. So lehnte er die Bebauung der letzten Baulücke an der Toosbüystraße ab und überzeugte den Bauherrn, Maurermeister Fürböter, anstelle einer „Mietskaserne“ einen gestalteten Innenhof mit einer regionaltypischen Ziegelarchitektur zu errichten. Der 1909/10 erbaute „Burghof“ ist bis heute ein Symbol für eine besondere Reformarchitektur.

1910 übernahm Ziegler auch die Leitung des Städtischen Hochbauamtes. Gemeinsam mit dem Stadtarchitekten Theodor Rieve entstanden eine Vielzahl kommunaler Hochbauten, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg häufig von der regionalen Backsteinbaukunst des 18. Jahrhunderts inspiriert waren. Der Neubau der Höheren Mädchenschule am Südergraben (Auguste-Viktoria-Schule) war ein Vorzeigeprojekt der Stadt Flensburg auch bei der „Flensburger Bauausstellung“ von 1912, die zur Förderung der Heimatschutzarchitektur im Museum veranstaltet wurde.

Weitere prägende Heimatschutzbauten in Flensburg waren die Goethe-Schule (1914-19), die mit dem stadtbildprägenden Kuppelbau der Aula wie ein barockes Stadtschloss wirkt. Der Bau zeigt in beeindruckender Weise, dass die Architekten die Gesamtheit, vom architektonischen Detail bis zum Städtebau, im Blick hatten.

Um das historische Stadtbild zu schützen und zeitgemäß weiterzuentwickeln, bemühten sich die Architekten auch um eine bruchlose Einfügung von Behördenbauten in die Altstadt. 1912/13 baute Ziegler das Eichamt in der Karlstraße. Es gibt sich wie ein barockes Stadtpalais, im Detail zeigt Ziegler seinen virtuosen und modernen Umgang mit dem Baumaterial Ziegel. In gleicher Weise fügt Zieglers Kollege vom Königlichen Hochbauamt, Regierungsbaumeister Rellensmann, der auch das Alte Gymnasium plante (1912-14), das Zollamtsgebäude in die Norderstraße ein.

Die Heimatschutzarchitektur und der Backstein blieben auch nach dem Ersten Weltkrieg für Flensburg bestimmend. Ein prominentes Beispiel ist der 1923-27 von Reichsbahnrat Friedrich Georg Arnold erbaute Bahnhof. In den 1920er Jahren tritt der barocke Schwung der Vorkriegszeit zugunsten von expressionistischen Baudetails zurück.

Die Reformbewegung des Heimatschutzes hatte es vermocht, die Architektur so nachhaltig zu verändern und zu prägen, dass sie bis heute ein wesentlicher Teil unseres Stadtbildes ist.



Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.


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erstellt am 24.Aug.2015 | 14:30 Uhr

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