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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 12:49 Uhr

Flensburg : Zeitenwende für die Rum-Hauptstadt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Problematische Marktlage: 1999 übernimmt die Berentzen-Gruppe aus Haselünne die traditionsreiche Rum-Produktion von Herm. G. Dethleffsen.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 10:54 Uhr

Flensburg | Stattliche Kaufmannshöfe und Speicher zeugen noch heute von der wirtschaftlichen Blüte des Westindienhandels. Die wichtigsten Handelsgüter waren Zucker und Rum, durch die es der Stadt durch die Jahrhunderte gut ging. Flensburg – das war Rum. Länger und nachhaltiger als die berühmten Punkte beim KBA oder das Sex-Imperium von Beate Uhse.

Deshalb war die Erschütterung auch umso heftiger, als die Berentzen Brennereien 1998/99 das Flaggschiff der Flensburger Rum- und Spirituosenfabrikation übernahmen – Herm. G. Dethleffsen mit den Marken Asmussen, Balle, Hansen, Schmidt, Andresen und Sonnberg.

Die Dynastie der Dethleffsens hatte seit Firmengründung 1738 großen Anteil an der Handelsgeschichte Flensburger Spirituosen gehabt. Zwei Jahre noch wurden die Destillations- und die Abfüllanlage an der Schleswiger Straße betrieben, Anfang 2001 begannen die Beschäftigten mit dem Abbau und Transport der Anlage nach Haselünne/Niedersachsen. Die letzte Flasche original Flensburger Rum aus dem letzten großen Flensburger Rumhaus wurde am 24. Februar 2001 abgefüllt. Eine Flasche Boddel besiegelte das Ende einer über 200 Jahre entstandenen Tradition.

Im 17. Jahrhundert war Zucker in Europa ein süßer Luxus gewesen. Der Preis für ein Pfund entsprach etwa dem Lohn von drei Arbeitstagen. Durch den Import von Rohzucker von den dänischen Kolonien ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das „weiße Gold“ in Flensburg verfügbar. Hier wurde der Rohzucker weiter verarbeitet und die Stadt entwickelte sich neben Kopenhagen und Altona zum bedeutendsten Standort der dänischen Zuckerproduktion.

Das konstante Klima in Westindien bot ideale Wachstumsbedingungen. Aus Afrika verschleppte Sklaven pflanzten, ernteten und verarbeiteten hier das Zuckerrohr. Der gewonnene und gereinigte Saft granulierte in einem hölzernen Kühlungsgefäß. Das Granulat wurde in Fässer umgefüllt. Während der rund dreiwöchigen Lagerung sonderte sich durch Öffnungen im Fassboden die so genannte Melasse ab. Der im Fass verbliebene Rohzucker war nun für den Versand bereit.

„Aus dem Rest und der Melasse wird Rum destilliert, der wenn er noch jung ist, „Kill Devil“ genannt wird. Er ist sehr berauschend und hat schon viele umgebracht, besonders Neuankömmlinge, die ihn übermäßig tranken. Wenn er ein oder mehrere Jahre lang ausreift, verliert er seine schädlichen Eigenschaften. Und wenn er gar einige Jahre alt geworden ist, dann wird er zu einer nützlichen Medizin.“ (Aalborgske, Jydske Efterretninger, 1780).

Mit dem Rückstand, der braunen zähen Melasse, wurde eine Maische angesetzt. Hefepilzkulturen sorgten für die Umwandlung von Zucker in Alkohol. Nach einer Gärzeit kam die Maische in den Destillierkessel. Es entstand der hochprozentige, fast ungenießbare Pure-Rum.

Mit Wasser verdünnt wurde der junge Rum auf den Plantagen an die Sklaven ausgeschenkt. Doch erst die Lagerung im Fass setzte einen Reifeprozess in Gang, der den Geschmack entscheidend verbesserte. 1767 kamen die ersten Rumfässer, vermutlich als Beifracht, nach Flensburg. Hier verschnitten zahlreiche Branntweinbrenner den Pure Rum mit Fremdalkohol und Wasser zu einer beliebten Spirituose und begründeten damit Flensburgs Ruf als „Rum-Stadt“.

Zu dieser Zeit konnte die Stadt bereits auf eine lange Tradition in der Branntweinproduktion zurückblicken. 1797 zählte man rund 200 Brennereien, die jährlich eine Million Liter Korn und Kartoffelschnaps ausführten. Jedem Flensburger Bürger war in guten Zeiten das Brennen gestattet. Fiel allerdings die Getreide- oder Kartoffelernte schlecht aus, durfte nicht gebrannt werden. Da kam die hochprozentige Alternative aus Westindien sehr gelegen.

Die Einfuhr von Pure-Rum erreichte um 1847 ihren Höhepunkt. In diesem Jahr wurden fast 1,5 Millionen Liter von Dänisch-Westindien nach Flensburg verschifft.

Der deutsch-dänische Krieg von 1864 beendete die gut 100-jährige Handelsverbindung. Als preußische Provinzen waren die Herzogtümer Schleswig und Holstein nicht länger an den Handel mit den Kolonien gebunden. Ab jetzt bezog man den Rum von der englischen Kronkolonie Jamaika. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Flensburg rund 30 namhafte Spirituosenhersteller. Sie alle trugen dazu bei, den Rumverschnitt zu einem individuellen Markenprodukt zu entwickeln, sei es „der gute Pott“, „der milde Balle“, „der mit der Nixe“, „Hansen-Präsident“ oder „der alte Boddel“.

Nach der Abstimmung von 1920 musste der skandinavische Absatzmarkt neu organisiert werden. In der Nachkriegszeit wurde durch Rationalisierung und Automation die Produktion von Rum-Verschnitt weiter vorangetrieben. Eine intensive Werbung im gesamten Bundesgebiet machte Flensburg zur Rum-Stadt.

Doch auf Dauer behinderte die geografische Randlage Flensburgs die Ausweitung von Produktion und Vertrieb. Hinzu kam die sinkende Verbrauchernachfrage. Letztlich konnten die Flensburger Rum-Firmen auf dem hart umkämpften überregionalen Spirituosenmarkt nicht bestehen. Ende 1998 übernahmen die Berentzen Brennereien, Haselünne, die Rummarken Asmussen, Balle, Hansen, Schmidt, Andresen und Sonnberg, die zu dem Zeitpunkt unter dem Dach der Firma Herm. G. Dethleffsen gebündelt waren. Dethleffsen begründete den Verkauf mit zunehmend schwieriger werdender Märkten, durch starken Verdrängungswettbewerb und steigenden Konditionsdruck des Handels.

Heute wird das Erbe der einstigen Rumstadt Flensburg noch von zwei Rumhäusern mit rund zehn Mitarbeitern fortgeführt.

Die großen Flensburger Spirituosen-Marken wie Hansen-Präsident und Bommerlunder sind nach wie vor im Programm von Berentzen. Die Rum-Marken Asmussen, Balle und Boddel sind in diesem Sommer von der Firma Nordbrand übernommen worden, einer Tochter des Rotkäppchen-Sektkonzerns.

 

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