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Schifffahrtsmuseum Flensburg : „Zeit, sich der Geschichte zu öffnen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zum Auftakt der Schau „Rum, Schweiß & Tränen“ plädieren Oberbürgermeisterin und Museumsmacher für offenen Umgang mit kolonialem Erbe.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 05:47 Uhr

Es ist selten, dass ein Ausstellungsort so nah an der Geschichte ist wie das alte Zollpackhaus, das seit 1984 das Schifffahrtsmuseum beherbergt. Hier lagerten Flensburgs Kaufleute früher Zollverschlusswaren wie Rum. Und es ist ebenso selten, dass alle Exponate einer Ausstellung auf dem Boden angeordnet sind wie bei „Rum, Schweiß & Tränen – Flensburgs koloniales Erbe“. Die Feldarbeit soll für die Besucher körperlich erfahrbar sein. Eine starke Inszenierung in der Ausstellung ist das Sklavenschiff im Dachgeschoss des Haupthauses. Im Grundriss 1:1 sind die aneinandergeketteten Körper der von Ghana nach Westindien verschifften Sklaven auf den Boden gemalt – und die Besucher müssen auf dem Weg zu den Exponaten darüber treten.

„Für ein Zusammenleben in einer bunten Stadt, die Vielfalt lebt, die Verantwortung zur Vermeidung des Klimawandels übernimmt, ist es daher auch an der Zeit, sich diesem Part unserer Geschichte zu öffnen und damit noch besser zu verstehen, dass wir ein Teil des Ganzen sind und Grenzverschiebungen und Stacheldrahtzäune bei uns nichts zu suchen haben“, erklärte Oberbürgermeisterin Simone Lange gestern bei der Eröffnung der Ausstellung. Schließlich sei weit weniger bekannt als der schöne Blick auf die maritime Vergangenheit, dass der Rum-Reichtum der vergangenen Tage auf Schweiß und Tränen aufgebaut worden sei: „Und dass die Kapitäne, die uns größtenteils als tüchtige Helden überliefert werden, gleichzeitig auch große Ausbeuter und Unterdrücker waren.“

Die neue Museumsleiterin Susanne Grigull erzählte, man habe bereits vor fünf Jahren überlegt, welchen Beitrag das Museum zum Projekt „Sonderburg 2017“ leisten könne. Schnell sei man da beim 100. Jahrestag des Verkaufs der westindischen, heutigen „Virgin Islands“ St. Croix, St. Thomas und St. John an die USA gewesen.

Als Grigull vor 25 Jahren als junge Museumspädagogin ins Schifffahrtsmuseum gekommen war, habe es nur eine „Westindienecke“ gegeben. Das Ziel: zeigen, wie tüchtig und tapfer die Flensburger Kaufleute waren. Mit dem Niedergang der Flensburger Rumindustrie entstand 1993 das kleine Rum-Museum: „Immerhin wurde nicht verschwiegen, dass auf den Plantagen versklavte Menschen arbeiteten“, sagt Grigull. 2006 bei der „Sonderausstellung Zucker“ sei erstmals ein Zusammenhang zwischen den Plantagen und der heimischer Wirtschaft hergestellt worden. „Wir feiern den Rum als deutsches Erzeugnis und blenden die Geschichte aus“, erklärte Grigull und ergänzte: „Es schadet niemals, sich der eigenen Geschichte zu stellen.“ Auch der frühere Museumschef Thomas Overdick, der diese Ausstellung noch mit konzipiert hatte, berichtete von seinem neuen Wirkungskreis: Auch Hamburg habe von kolonialen Ausbeutungsverhältnissen profitiert. „Die Entscheidung, eine Gastkuratorin aus der Karibik einzuladen, ist vorbildlich und hat für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt“, sagte Overdick.

Die jamaikanische Wissenschaftlerin Dr. Imani Tafari-Ama berichtete, dass sie die E-Mail aus Flensburg, mit der sie Ende 2014 zur Stipendiumsbewerbung aufgefordert wurde, fast als Spam gelöscht hatte – weil sie den Absender nicht kannte. Nun hofft sie, dass mit ihrer Arbeit die typische nostalgische Reflexion gebrochen werde. Tafari-Ama dankte dem Museumsteam von der Förde für tolle Begleitung – und für die Plattform für eines der drängendsten panafrikanischen Themen: Beschäftigung mit der kolonialen Geschichte. Rund 150 Interviews hat Tafari-Ama in Flensburg Ghana und auf den Virgin Islands geführt. Ihr Schlusswort übersetzte Thomas Overdick aus dem Englischen: „Ich verneige mich vor Flensburg und seinen Bürgern, dass ein angemessener Ort für die kritische Auseinandersetzung bereitgestellt wurde.“








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