Zeichen der neuen Zeit am Flensburger Himmel

Zeppelin 'Hansa' startet von Hamburg-Fuhlsbüttel.
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Zeppelin "Hansa" startet von Hamburg-Fuhlsbüttel.

Vor hundert Jahren fuhr Zeppelin "Hansa" über Flensburg / An Bord entstanden die ersten Luftbilder der Fördestadt

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14. Juli 2012, 06:54 Uhr

Flensburg | Es war eine Sensation vor hundert Jahren: Am 11. August 1912 überflog das Luftschiff "Hansa", damals größter Zeppelin, das Stadtgebiet, setzte das Zeichen der neuen Zeit an den Flensburger Himmel. Die Flensburger waren aus dem Häuschen. Mit an Bord eine weitere Sensation, die erst noch bekannt werden sollte: In der Gondel war Hauptmann Wilke von der Zeppelin-Gesellschaft mit seiner großen Plattenkamera. Als er über Flensburg seine Fotos aufnahm, entstanden die ersten bekannten Luftaufnahmen der Stadtgeschichte.

Zum Jubiläum präsentieren das Stadtarchiv und das Flensburger Tageblatt zwölf dieser im Archiv verwahrten Aufnahmen. Die Stadtredaktion stellt ihnen die Ansichten von heute gegenüber. Ein kompliziertes Vorhaben für Fotograf Michael Staudt, denn die geringe Geschwindigkeit eines Zeppelins - fast bis zum Stillstand - und die niedrige Flughöhe über der Stadt sind heute nicht mehr möglich. Tageblatt und Stadtarchiv präsentieren in elf Folgen ein einmaliges Dokument der städtischen Entwicklung und Veränderung.

Beim Überflug über Flensburg stand am Steuer ein Flensburger Jung: Hugo Eckener. 1868 geboren und aufgewachsen in Flensburg, hatte er sich als leidenschaftlicher Segler das Gespür für Wind und Wetter geholt. Nach dem Abitur in Flensburg und dem Studium arbeitete er als Redakteur und lernte damals die Luftschiffe kennen. Graf Zeppelin wurde durch Eckeners fundierte Zeitungsartikel auf ihn aufmerksam, knüpfte Kontakt und gewann ihn als Freund, der mit ihm die Pionierzeit der Luftschifffahrt gestaltete. Mit seiner legendären Weltumrundung sollte Hugo Eckener den Ruhm Graf Zeppelins in den Schatten stellen und weltweit bekannt werden - wie kein anderer Flensburger davor oder danach. In den Flammen von Lakehurst zerfiel 1937 der Mythos der Zeppeline zu Asche.

Die Begeisterung am Boden über den Überflug der "Hansa" ist von Zeitzeugen überliefert. Eine Schilderung der fast feierlichen Stimmung an Bord lieferten zwei Flensburger, die die Gelegenheit zum Mitflug nutzten: Diederich Dethleffsen und Hermann Thomsen. Beide waren seit ihrer Schulzeit mit Eckener befreundet, Thomsen wurde später als aktiver Offizier Adjutant des Grafen Zeppelin. Die beiden Männer nutzen die Gelegenheit, in Hamburg-Fuhlsbüttel an Bord der "Hansa" zu gehen. Die Route führte über Bramstedt, Neumünster, Bordesholm nach Kiel. Dethleffsen schrieb zum Flug über den Hafen: "Die Passagiere waren still vor Erstaunen und Bewunderung des Anblicks."

Von Kiel fuhr die Hansa zur Schlei, nach Kappeln, über Satrup und Sterup nach Glücksburg. Bei Meierwik begegneten sich das Luftschiff über und der gerade erst drei Jahre alte Flensburger Dampfer "Alexandra" auf der Förde. Die fliegende Zigarre zog hinweg über die Marineschule, Jürgensby und die Innenstadt - alle Kirchen läuteten ihre Glocken. Auf der Weiterfahrt nach Schäferhaus zog der Zeppelin noch einige Schleifen über Handewitt und Dethleffsens Heimat Weiche. Der Flensburger hielt fest: Ihm seien während der Fahrt häufig "Tränen der Freude über all das Schöne" in die Augen getreten.

Auf Schäferhaus stieg Kapitän Eckener aus, begrüßte Frau und Verwandte. Ein Extra-Hoch wurde auf den berühmten Flensburger ausgebracht. Eine halbe Stunde später erhob sich die "Hansa" wieder in den Himmel. Kleiner Gruß noch von Bord: Ein Stapel Flugpostkarten regnete aus dem Luftschiff auf die Zuschauer, dann verschwand die fliegende Zigarre in Richtung Süden.

Man darf davon ausgehen, dass in einem Unternehmen, in dem Hugo Eckener agierte, durchaus ein gesunder Geschäftssinn herrschte. Und so dürften einige Einnahmen zu verzeichnen gewesen sein, als die Zeppelin-Gesellschaft die Fotos von Hauptmann Wilke an Fotografen in den abgelichteten Städten weitergab, die dann Abzüge für interessierte Bürger anfertigen konnten. Die Aufnahmen des Stadtarchivs tragen die Prägung von Fotograf Hinz.

Für Stadtarchivar Broder Schwensen sind diese Luftbilder Schätze von einmaligem Wert. Sie zeigen die Stadt nach einer dramatischen Veränderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sowohl an Fläche als auch an Einwohnerzahl hat Flensburg einen gewaltigen Sprung gemacht. Einige Bilder machen es deutlich, dass die Industrialisierung tiefe Spuren in das Gesicht der alten Handelsstadt gezogen hat. Schwensen: "Eine solche Dokumentation ist ein Glücksfall."

In Flensburg galt bis 1796 ein Bauverbot außerhalb der Stadtgrenzen. Ausnahme war Jürgensby. Das war kein Gebiet der Stadt, sondern der Kirche - dort galt kein Bauverbot. Ergebnis war eine Reihe von Häusern entlang der heutigen St.-Jürgen-Straße, ansonsten bot Jürgensby den Passagieren des Zeppelins einen eher dörflichen Anblick. Die Neustadt war das Musterbeispiel für die Entwicklung der Stadt. Hundert Jahre nach Aufhebung des Bauverbotes zeigen die alten Aufnahmen ein dicht bebautes, intensiv genutztes Gebiet. In der Detailbetrachtung fällt die Vielzahl der Schornsteine auf. Industriebetriebe waren entstanden. Schwensen: "Die Schlote rauchten." Die Fabriken machten kleinen Handwerksbetrieben scharfe Konkurrenz und sorgten mit ihren Anlagen - ob in St. Johannis oder in der Neustadt -sicher nicht für das Prädikat "Stadt der guten Luft". Der Stadtarchivar: "Flensburg wandelte sich von der Stadt zur Fabrikstadt." Mit der Gründung der Werft war der Schritt in die Moderne vollzogen, vom Bau hölzerner Segelschiffe hin zu Eisenschiffen, die dann noch vom Wind als Antrieb unabhängig waren. Die Walzenmühle war ein Musterbeispiel für die Verdrängung des Handwerks durch die Industrie: Etliche Müller sahen für sich und ihre bis dahin stadtbildprägenden Mühlen keine Zukunft mehr und gaben auf. War das Bierbrauen bis dahin noch Sache von Familienbetrieben, ging nun mit der Actienbrauerei und der Exportbrauerei eine unschlagbare Konkurrenz an den Start.

Das Stadtgebiet war zwei Jahre vor dem Besuch der "Hansa" vergrößert worden, durch Eingemeindung der Dörfer Fruerlund, Engelsby, Twedt und Twedterholz. Auf Twedterholzer Gemeindegebiet lag auch der wachsende Mürwiker Marinekomplex, mit dessen Eingemeindung und Straßenbau nach Flensburg das ärgerliche Problem der mangelhaften Verbindung für die Soldaten gelöst war. Die neugebauten Straßen wie Bismarckstraße oder Clädenstraße waren für die Offiziere und ihre Familien eine 1a-Lage. In den neuen Häusern waren die Wohnungen groß und repräsentativ, die im Jahr 1912 neu eingerichtete Straßenbahnlinie 3 brachte die Soldaten zum Dienst nach Mürwik und zurück.

Eingemeindungen und der Zuzug in die Stadt hatten ihre Folgen. Zählte Flensburg 1871 noch 22 000 Einwohner, so machte die Zahl um 1910 den Sprung auf 66 000. Entsprechend musste in die Versorgung der Menschen investiert werden: Strom, Gas, Wasser, Abwasser, neue Straßen, elektrische Straßenbahn. Wie ein Kranz wirkt der Ring der preußischen Schulgebäude, in gelbem Klinker gehalten, von Jürgensby bis zur Schloßstraße.

Der Stadtarchivar: Eine so radikale Veränderung des Stadtbildes wie zwischen 1870 und 1914 habe es nur noch einmal gegeben: "Nach 1945, als für zigtausende von Menschen eine neue Heimat geschaffen werden musste."

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