Pilkentafel im Hallenbad : Wortstrom im Schwimmerbecken

Pilkentafel-Nachwuchs brilliert in Jenny Erpenbecks "Wörterbuch" / Experiment "Theater im alten Hallenbad" geglückt / Noch 13 Vorstellungen

shz.de von
03. September 2011, 07:01 Uhr

Flensburg | "Sie! Sie, Sie, Sie und Sie! Mitkommen!" Der Mann in der schwarzen Hose und dem grellweißen Sakko strahlt die aggressive Aura eines faschistoiden Geheimdienstoffiziers aus. Er holt ein gutes Dutzend der wartenden Zuschauer aus dem Foyer des alten Hallenbades ab und bringt sie in eine der alten, recht beengten Umkleidekabinen: "Hinsetzen!" Aus einem der Spinde dringen unheimliche Stimmen. Nach ein paar Minuten wird die Gruppe von einer Frau in einem strengen schwarz-weißen Kostüm mit einer noch deutlich strengeren Miene abgeholt und ins 3,70 Meter tiefe Sprungbecken geführt. Das Wasser ist längst abgelaufen. Auf der Bank an der großen Fensterfront erwarten drei junge Frauen und ein junger Mann, allesamt in Weiß, das Publikum. Das Hallenbad wird zur Bühne.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Theaterwerkstatt Pilkentafel ein ausgedientes öffentliches Gebäude für eine Theaterproduktion aussucht. Unvergessen ist die große Collage zur Verabschiedung der alten Stadtbücherei, die der Flensburg-Galerie weichen musste. Jetzt also das Hallenbad, dessen Zukunft ungewiss ist. Das Publikum sitzt auf Ikea-Hockern am Beckengrund, nicht auf bequemen Theatersesseln, in die man sich kuscheln kann. Die gekachelten Wände und Böden vermitteln eine Aura der Kälte, des Klinischen. Geräusche hallen und klingen nach.

Oder klingen bedrohlich - wenn der Vater, der Offizier vom Beginn, eine Tür dröhnend schließt, um die gesamte Länge des Bades zu durchschreiten, wobei er eine Eisenstange über die Fliesen schleift. Fieses Geräusch! Das wiederholt sich einige Male, und jedes Mal zucken die vier Akteure zusammen und stieben danach auseinander.

Lotta Bohde, Thore Lüthje, Maren Seidel und Bele Wollesen spielen in dieser Produktion den Roman "Wörterbuch" von Jenny Erpenbeck. Sie stehen und agieren für unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit der Hauptfigur, eines Mädchens, das sich an seine Kindheit erinnert. Es sind überwiegend düstere, verstörte Erinnerungen. Die jungen Schauspieler flüstern, plappern, jubilieren, schreien. Sie eilen oder sie schleichen durch den Text, sprechen im Duo oder im Quartett, mal unisono, mal kunstvoll gesetzt wie in einem Streichquartett für Sprache.

Aber sie geben dem Text auch eine physische, eine räumliche Komponente, indem sie das Bad "bespielen": Sie liegen am Beckenrand oder sitzen an der Schräge zum Sprungbecken, um gleich danach hinunter zu rutschen. Sie balancieren auf der Kante, sie laufen um das Becken herum, sie springen. Immer taucht jemand irgendwo auf, schleicht sich ran. Die Vier gaben dem Text auf eine wunderbare Art eine ganz unmittelbare Präsenz - eine großartige Leistung dieser jungen Schauspieler!

"Wörterbuch" im Hallenbad ist ein Flensburger Theaterereignis - ganz klar. Dass angesichts der räumlichen Komponenten und der Komplexität des Ausgangstextes, der auf etwa 30 Prozent zusammen gestrichen wurde, sich die eigentliche Geschichte nicht ohne weiteres erschließt, ist in Kauf zu nehmen. Bestenfalls ist es eine Aufforderung an den Zuschauer, das Buch zu lesen.

Altes Hallenbad, Bahnhofstraße 25, Theaterwerkstatt Pilkentafel, "Wörterbuch": heute, 8.-10., 15.-17., 22.-24.9, 29.+30.9., 1.10., 20 Uhr. Tickets: www.pilkentafel.de, Ticketcenter Holmpassage

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen