Flensburg: Häuser statt Grün : Wohnungen statt Kleingärten

Kolonie mit Tradition: Seit 1953 blühen...
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Kolonie mit Tradition: Seit 1953 blühen...

Frust und Verunsicherung: Privater Eigentümer möchte Mumm’sche Koppel bebauen lassen – den Kleingärtnern wurde bereits gekündigt.

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22. Juni 2017, 06:59 Uhr

Der Konflikt geht weiter. Wohnhäuser statt Kleingärten, Verdichtung innerstädtischen Raums, Wegfall von Grünflächen. Es geht um eine rund zwei Hektar große Fläche zwischen Campus und Schulze-Delitzsch-Straße auf dem Sandberg – die Mumm’sche Koppel. Seit 1953 graben, jäten, pflanzen und ernten hier Kleingärtner, viele von ihnen aus den nahe gelegenen Mietshäusern. Doch mit der Idylle ist wohl bald Schluss; den Gärtnern wurde gekündigt, die Stadt will kommenden Dienstag einen Bebauungsplan für rund 150 Wohneinheiten auf den Weg bringen.

„Es ist einfach nur ätzend!“ Eine 37-Jährige bringt ihren Frust auf den Punkt. Zusammen mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn verbringt sie derzeit jede freie Minute in ihrem Garten, der in dieser Jahreszeit eine wahre Pracht ist. „Wir wohnen da drüben“, zeigt sie, „wir sind in ein paar Minuten hier. Der Junge rennt sofort los und schaut, welche anderen Kinder da sind.“ Vor rund sieben Jahren haben sie zwei Parzellen übernommen, im Sommer decken sie fast ihren gesamten Bedarf an Gemüse aus dem Garten: Möhren, Tomaten, Gurken, Kürbisse, Mais, Zucchini, Kräuter – „alles, was in unserem Klima gedeiht.“

Noch ist nicht sicher, wann sie ihren Garten verlassen muss und ob sie in der Nähe einen neuen findet. Die Lage ist derzeit unübersichtlich, endgültige Entscheidungen sind noch nicht gefallen, Rechtsanwälte sind im Spiel. Und eine Vielzahl an Akteuren: Die Fläche gehört einer privaten Erbengemeinschaft, den Nachkommen des Bauern, der hier mal seine Koppel hatte. Pächter ist der Verein der Gartenfreunde, der Flensburger Dachverband aller Kleingärtner. Er vermietet die einzelnen Parzellen an die Kleingärtner. Sowohl die Eigentümer als auch der Verein der Gartenfreunde lassen sich von Anwälten vertreten. Und die Stadt, seit Jahren immer auf der Suche nach Bauland, ergreift die Chance, in Campus- und Innenstadtnähe weitere 150 Wohnungen zu errichten.

Das Rathaus drückt bei der Mumm’schen Koppel auf die Tube. Sie will den Bebauungsplan nach dem sogenannten „beschleunigten Verfahren“ für Maßnahmen in der Innenentwicklung aufstellen. Das bedeutet unter anderem, dass keine Umweltprüfung erfolgen muss und dass der Bebauungsplan auch vor einer Änderung des Flächennutzungsplans aufgestellt werden kann. Kuriosum am Rande: Eigentlich ist bereits ein Bebauungsplan in Aufstellung – seit 30 Jahren schon. Damit sollte seinerzeit die Nutzung als Kleingartenkolonie abgesichert werden. Das Verfahren ist aber nie zum Abschluss gekommen. Dadurch unterliegen die Gärten der Mumm’schen Koppel nicht dem besonderen Schutz des Kleingartengesetzes.

Was genau gebaut werden soll, steht noch nicht fest. In der Beschlussvorlage ist von „unterschiedlichen Wohntypologien“ die Rede und von „150 gut gegliederten Wohneinheiten“. Die Zufahrt soll über die Schulze-Delitzsch-Straße erfolgen; der vorhandene Geh- und Radweg zum Campus müsste dafür verbreitert werden.

Die Initiative zu dem Projekt sei von den Eigentümern ausgegangen, sagte auf Anfrage Stadtsprecher Clemens Teschendorf. „Die Eigentümer haben sich an uns gewandt mit der Bitte um Unterstützung.“ Jetzt muss die Ratsversammlung – voraussichtlich am 20. Juli – entscheiden, ob der Bebauungsplan wirklich aufgestellt wird. Zuvor berät der Umwelt- und Planungsausschuss am kommenden Dienstag und trifft eine Vorentscheidung. Was die Stadt nicht kann, ist die Nutzung durch Kleingärten vorschreiben. Wenn der Eigentümer die Kündigung aufrecht erhält, müssen die Gärtner weichen – egal, ob gebaut wird oder nicht.

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