MS-Mobil : Wohnmobil ausgebrannt: Die Helfer brauchen Hilfe

Friedrich Engberding
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Friedrich Engberding

Das Ferienmobil für Schwerstbehinderte wurde zerstört.

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12. November 2017, 13:56 Uhr

Friedrich Engberding ist treu – weit über den Tod hinaus. Seiner verstorbenen Ehefrau hat er versprochen, sich um ihr gemeinsames Herzensprojekt zu kümmern. Und das tut der 76-Jährige, trotz aller Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat.

Das „Herzensprojekt“: Es besteht aus zwei Wohnmobilen und dem gemeinsamen Wunsch des Paares, schwerstbehinderten Menschen kostengünstig, frei und unabhängig Ferien zu ermöglichen. „So, wie wir es früher selbst erlebt haben.“ Denn: Obwohl ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung sie körperlich stark einschränkte, war Maria Luise eine unternehmungslustige Frau und besonders gern mit dem Wohnwagen auf Reisen. „Mit unseren vielen Unternehmungen haben wir natürlich Erfahrungen gesammelt: Was braucht es, damit ein körperlich eingeschränkter Mensch im Rollstuhl möglichst selbstständig und mobil unterwegs sein kann“, berichtet ihr Witwer. Hub-Rampen, Pflegebett, behindertengerechte sanitäre Anlagen – wenn er beschreibt, mit welcher Sorgfalt die beiden ihr erstes Mobil planten, um auch anderen Schwerstkranken solch mobile Ferienreisen möglich zu machen, ist die Liebe zu seiner Frau noch immer spürbar.

Aus der Idee wurde ein gemeinnütziger Verein. Sohn Niels wurde Vorsitzender, er selbst übernahm als Ruheständler die Geschäftsführung des „MS-Mobil e.V.“ Ehrenamtlich natürlich, für die gute Sache. Mit einer kleinen Duisburger Firma planten sie das erste Fahrzeug. Die Hertie-Stiftung gab eine Anschubfinanzierung und 2005 ging das erste speziell ausgestattete Mobil auf Reisen.

„Das ist eine tolle Sache, wenn Sie erleben, wie ein über 50-Jähriger berichtet, dass er das erste Mal in seinem Leben das Meer gesehen hat.“ Engberding machen solche Erlebnisse glücklich und seiner Frau ging es ebenso. „Du musst das weiter führen“, sagte sie vor ihrem Tod 2011. Witwer und Verein machten weiter. Vor zwei Jahren stellte der Verein der Öffentlichkeit stolz ein zweites Fahrzeug vor. Das war noch ein bisschen durchdachter, noch komfortabler und technisch moderner. Inzwischen war der Verein „MS-Mobil“ sogar bundesweit bekannt, Engberding selbst Träger einer Ehrennadel und des Verdienstkreuzes des Landes Schleswig-Holsteins – als Anerkennung seines ehrenamtlichen Engagements. Heute bekommt der Verein Buchungsanfragen aus dem gesamten Bundesgebiet. Es gibt nicht viele Möglichkeiten für körperlich eingeschränkte Menschen, bezahlbar, frei und unbeschwert Ferien zu machen und beinahe so zu urlauben, wie es für die meisten anderen selbstverständlich ist.

Dann kam der schwarze Tag, der Anruf Anfang September: „Das neue Mobil steht auf der Autobahn bei Dubrovnik und brennt.“ Über 200 000 Euro und viele Pläne gingen in Rauch auf. „Ich war geschockt.“ Immerhin, die beiden Passagiere blieben unverletzt und wurden ausgeflogen. Fachleute machten als Ursache einen Kabelbrand im Zwischenboden des Fahrzeugs aus.

Wie lange Friedrich Engberding nach dieser Nachricht auf dem Sofa saß und vor sich hin schaute, kann er gar nicht mehr sagen. Als Ehrenamtler in so einer Situation – da muss man sich erst zurecht finden. Das mit viel Liebe auf den Weg gebrachte Wohnmobil war Geschichte: Ausgebrannt. Totalschaden. Schrott. Bestehende Buchungen wurden abgesagt.

Doch der studierte Volkswirt und ehemalige Ausbildungsleiter kennt Krisensituation. Er kam schnell wieder auf die Beine. Die Versicherung zahlte 73 000 Euro. „240 000 Euro brauchen wir, um ein neues Fahrzeug bauen zu lassen.“ Denn so viel ist ja klar: Der Verein macht weiter und ein Mobil von der Stange kann das neue MS-Mobil nicht sein. „Die Standardmodelle haben Wände und Decken wie Pappe.“ Das Gewicht eines Rollstuhls oder notwendige, schwere Gerätschaften können die üblichen Aufbauten nicht tragen. Mit Ausnahme der Karosserie ist deshalb das ganze Fahrzeug eine Spezialanfertigung.

Was also tun? Der rührige Geschäftsführer lacht: „Ja, was denn wohl?“ Landauf, landab ist er mit seinem Sohn seither unterwegs, um Spenden einzuwerben und Sponsoren zu gewinnen. Er schreibt Briefe an Staatsanwaltschaften und Gerichte, um Zuweisungen aus den Einnahmen von Bußgeldern zu bekommen. Das ist mühsam, aber erfolgreich: Bis auf einen Restbetrag von 60 000 Euro hat der Verein das notwendige Geld zusammen. „Vergangenen Sonnabend haben wir den Kaufvertrag machen können“, berichtet Engberding froh. Das motiviert für den Endspurt. Im kommenden Frühjahr möchte er das neue MS-Mobil vorstellen können. „Und wenn ich den Restbetrag persönlich finanzieren muss.“ Immerhin liegen bereits Buchungen vor.

Drei bis vier Stunden täglich ist der 76-Jährige mit seinem Ehrenamt beschäftigt – auch um Pflege und Vermietung des ersten MS-Mobils zu leisten. Das fährt noch immer zuverlässig durch die Lande. Etwa 20 schwerstbehinderte Menschen jährlich haben so die Chance, Urlaub zu machen – für einen geringen Kostenbeitrag oder, wenn sie es nachweislich wirtschaftlich nicht schaffen können, auch völlig ohne Eigenleistung. Nicht selten ist es für die Feriengäste sogar das erste Mal, dass sie aus ihrem Alltag ausbrechen können. So kommt es, dass der Verein weit mehr Anfragen hat, als er bedienen kann. Das MS-Mobil-Team will deshalb weiter Gas geben: Sobald der neue Wagen auf der Straße ist und der Verein es leisten kann, soll der Fuhrpark erweitert werden.

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