Kelmstraße : Wohnen über der Marineschule

shz.de von
26. November 2010, 07:05 Uhr

Flensburg | "Am Anfang fiel es mir schwer, heute gehe ich hier ganz locker rauf", sagt Sabine Groß und folgt ihrem Mann über die Metalltreppe an der Außenwand des Turmes bis auf 30 Meter Höhe. Der Blick von dem Gerüst hier oben ist schlicht phänomenal: Ganz links die Schule Strategische Aufklärung, dann Sonwik, der Hafen, die Werft, Wasserleben, Kollund und die ganze Innenförde; ganz rechts schließt sich das wohl bekannteste Gebäude der gesamten Bundeswehr an, die Marineschule Mürwik.

Sabine und Wolfgang Groß sind mitten in einem ganz besonderen Bau-Abenteuer. Sie haben den ehemaligen Wasserturm der Marineschule gekauft und bauen ihn zu einem Wohnhaus um. Wenn alles gut geht, ziehen sie zu Ostern oder Pfingsten ein. "Wenn es wieder so ein harter Winter wird, dauert es sicher länger", sagt Wolfgang Groß.

Verzögerungen können auch andere Ursachen haben. Des Kaisers Baumeister waren 1910 nicht immer auf Qualität bedacht - wie auch schon beim Turm der Marineschule. An der Südwestseite musste die Baufirma einige Quadratmeter Mauerwerk komplett runternehmen, weil sie schlicht baufällig waren. Man muss immer mit bösen Überraschungen rechnen.

Derzeit ist der gesamte Turm eingerüstet; das spitze Dach wurde komplett abgehoben und steht einige Meter entfernt neben dem Turm. Es wird später das dritte Geschoss der Hauptwohnung beherbergen, muss aber einen völlig neuen Dachstuhl bekommen: Nur das Metallgerüst kann erhalten werden.

Sabine und Wolfgang Groß wirken eigentlich ganz normal - nicht wie Hasardeure oder Abenteurer oder schwerreiche Immobiliensammler. Sie habe den Turm einfach irgendwann gesehen, vermutlich bei einem Spaziergang in Sonwik, und sich in ihn verliebt. Erst als sie in der Zeitung über das Kelmpark-Projekt gelesen hatte, wurde die Sache konkret. Denn der Turm gehörte wider Erwarten nicht mehr zur Marineschule und damit dem Bund, sondern war zusammen mit der früheren Klinik-Ost im Privatbesitz. Der Besitzer stand in der Zeitung und war bereit zum Verkauf. "Ich habe meinen Mann so lange genervt, bis er angerufen hat", sagt Sabine Groß verschmitzt. Vor zweieinhalb Monaten haben die Bauarbeiten am Ende der Kelmstraße begonnen.

Natürlich nicht ohne entsprechenden Fachverstand. Das Projekt wird betreut von der Architektin Kerstin Heller aus Neustrelitz, die als Expertin für die Umnutzung von Wassertürmen gilt. Sie hat zusammen mit Familie Groß den Plan gezeichnet. Ein Großteil des Gesamtvolumens des Turms bleibt demnach ungenutzt. Im Erdgeschoss werden neben dem Eingangsbereich Abstell- und Wirtschaftsräume untergebracht. Dann folgt eine kleine, abgeteilte Wohnung für die Kinder, bevor es nach oben in die dreistöckige Hauptwohnung geht. Der Turm ist gut neun Meter dick, pro Geschoss ergibt sich eine Wohnfläche von rund 55 Metern.

"Wir werden an der äußeren Form fast nichts verändern", verspricht Sabine Groß, "darüber freut sich der Denkmalschutz." An der Innenwand wird ein Fahrstuhl montiert, in der Hauptwohnung gibt es zusätzlich eine zentrale Wendeltreppe. Die Feuerwehr bestand zudem auf einer Sicherheitstreppe außen, die jedoch nur bis zu der Höhe führt, die von unten mit der ausfahrbaren Feuerleiter erreicht werden kann.

Auf den hölzernen Bohlen des Baugerüsts bleiben die ersten Schneeflocken liegen. Es ist bitterkalt hier oben. Sabine und Wolfgang Groß können sich jedes Mal erneut für den Ausblick begeistern - und freuen sich auf den Tag, da sie ihn zum ersten Mal aus ihrem Wohnzimmer genießen können.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen