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Flensburger Tageblatt

17. August 2017 | 00:04 Uhr

Unaften : Wohnen im ehemaligen Klassenzimmer

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Einst ging Willi Petersen in Unaften zur Schule – heute ist das Gebäude sein Zuhause. Jetzt erinnert er sich an seine Schulzeit.

Handewitt | Auf dem ehemaligen Schulhof in Unaften thronen heute vier Häuser, das große Klassenzimmer hat sich in Wohn- und Schlafzimmer verwandelt – die Geschichte der Schule in Unaften ist aber nach wie vor lebendig. „Da saßen die Schüler, da stand das Pult“, zeigt Willi Petersen, einst Schüler, heute Besitzer des besonderen Gebäudes an der Bundesstraße 199, mit seinen Händen. „Und da war eine Tür zum Nebenzimmer. Die benutzten wir Älteren, wenn die Kleinen verrücktspielten und zur Raison gebracht werden mussten.“

Die Ära der einklassigen Schule von Unaften begann im April 1906. Bis dahin musste die Jugend der kleinen Orte Unaften und Timmersiek über etliche Dekaden nach Handewitt marschieren. Die ersten Lehrer hießen Gustav Pump und Jakob Plettner Tychsen. 1920 folgte Hans Holm aus Lüngerau. „Der Garten war ziemlich zugewuchert“, gewährt Enkel Horst Sörensen einen Blick in die Familiengeschichte. „Mein Großvater und seine Angehörigen waren erst einmal damit beschäftigt, alles auf Vordermann zu bringen.“ Bienen und der Garten waren die liebsten Steckenpferde des Pädagogen. Über einen stetigen Apfel-Klau ärgerte er sich und stellte ein Schild auf: „Der liebe Gott sieht alles!“ Die jungen Diebe ergänzten: „Aber er verrät uns nicht!“

Über die Lausbubenstreiche mag man schmunzeln, insgesamt aber hatte es Hans Holm nicht leicht als Dorflehrer. Mit dem Nachbarn Handewitt brodelte ein anhaltender Streit im gemeinsamen Schulverband, bis sich die kleine Ortschaft lossagte. Die Kriegszeit wurde noch schwieriger. Hans Holm starb plötzlich im Mai 1943 mit 66 Jahren. In den folgenden Monaten regierte das Provisorium. „Wir mussten dann auch mal nach Handewitt“, erinnert sich der damalige Schüler Hans-Heinrich Tobiesen.

Gustav Krause aus Schardebüll versuchte, das ABC-Studium aufrechtzuerhalten, bis er unmittelbar nach Kriegsende vom Dienst suspendiert wurde. Im Februar 1946 erhielt er wieder eine Unterrichtserlaubnis. Er war für Jahrzehnte der „Schulmeister“ von Unaften, erhielt aber zumeist Unterstützung von einem Kollegen. Den Schichtbetrieb Ende der 1940er- Jahre musste er allerdings allein meistern, denn 80 Schüler waren zu viel auf einmal für den einen Klassenraum. Deshalb wurde in zwei Blöcken vormittags und nachmittags unterrichtet. Ein zweites Klassenzimmer entstand erst 1959 – da hatte sich die Situation längst entspannt.

Die Konstellation, mit Erst- bis Neuntklässlern in einem Raum zu sitzen, hatte durchaus ihren Charme. „Die Kleinen hörten immer gespannt zu, wenn die Oberstufe ihre Aufgaben erhielt“, erinnert sich Hans-Peter Stöcken an seine Schulzeit. Ebenso an eine Art „Quiz-Duell“. Die Schüler rückten bei richtigen eigenen Antworten und Fehlern des Nebenmanns auf; die begehrten Plätze lagen in den hinteren Reihen. Im Schrank befand sich die „rote Gerda“, wie die Schüler einen Rohrstock titulierten. Anfangs gab es damit bisweilen auf die Finger, danach wirkte allein die Androhung, bis das rustikale Utensil ganz verschwand. Wesentlich beliebter war Martha Trabant. Sie betrieb die gegenüberliegende Gastwirtschaft, reinigte die Schule, leitete aber auch den praxisnahen Handarbeitsunterricht.

Einmal im Jahr hielt das Kinderfest im Gasthof den Ort auf Trab, aber noch mehr eingebrannt in das Gedächtnis der ehemaligen Schüler hatte sich der 1. März, der Geburtstag von Gustav Krause. Es wurde viel vorgelesen, normaler Unterricht fand nicht statt. Direkt nach dem Krieg war der Geburtstag für die Familie ein Festtag, denn die Schüler brachten Eier und Speck als Geschenke mit. Später hielt Gustav Krause Lichtbilder-Vorträge. Geschichte und Erdkunde waren seine Lieblingsfächer. Seine Schüler profitierten davon. „Nach dem Wechsel nach Handewitt hatten wir die besten Noten von allen in Geschichte“, erinnert sich Willi Petersen.

Bis 1969 wurden alle Klassenstufen in drei Etappen nach Handewitt umgeschult. Gustav Krause ging in den Ruhestand, blieb aber als Mieter bis zu seinem Tod im Jahr 1981 in der alten Schule wohnen. 1977 kaufte Willi Petersen die Immobilie. Für ihn schloss sich damit ein Kreis. „Mein ehemaliger Lehrer hat am Ende bei mir gewohnt“, schmunzelt er.

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erstellt am 10.Aug.2017 | 12:20 Uhr

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