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Prozessauftakt : Wo sind die Harrisleer Millionen?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Kassenschwund von Harrislee wird jetzt juristisch aufgearbeitet: Annemarie F. muss sich in Kiel vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer verantworten. Im Gericht trat man gestern viele Bekannte.

shz.de von
erstellt am 26.Aug.2013 | 19:02 Uhr

Der letzte Fall geschah am 1. April 2005. Damals verschwanden 5060 Euro aus der Kasse einer der wohlhabendsten Gemeinden des Landes – der Gemeinde Harrislee. Mit Fall 210 hatte der Schaden den Gipfel von 592 976 Euro und 93 Cent erklommen – mutmaßlich verursacht durch eine betrügerische Kassenleiterin im Gemeindehaus, die sich seit gestern vor der 34. Großen Strafkammer am Kieler Landgericht dafür verantworten muss.

Acht Jahre nach dem letzten angeklagten Vorfall, drei Jahre nach Anklageerhebung, ein Jahr nach Eröffnung des Hauptverfahrens spitzen sich die Positionen von Anklage und Verteidigung nach Prozesseröffnung in einer interessanten Fragestellung zu. Hat Annemarie F. das Geld durch gewerbsmäßigen Betrug an sich gebracht oder ist das Geld unauffindbar im Dschungel millionenfacher Zahlen und Buchungen verborgen?

Das zumindest ist die Position, die die resolut auftretende ex-Kommunalbeamtin vertritt. „Ich habe nie auch nur einen einzigen Cent von der Gemeinde gestohlen“, wird sie später in ihrer Vernehmung sagen. Das bekräftigt sie durch Haltung: Die Anregung der Kammer, das zu erwartende lange Verfahren durch einen Deal abzukürzen, hat sie abgelehnt, folgerichtig weist ihr Strafverteidiger Martin Unger alle Anklagevorwürfe in einer Erklärung zurück. 37 Jahre sei seine Mandantin für Harrislee tätig gewesen und habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. Prüfungen, auch unangekündigte des Rechnungsprüfungsamtes, hätten nie auch nur eine Beanstandung ergeben.

Fast 15 Minuten benötigt Staatsanwalt Feldmann allein für das Ablesen der 210 einzeln angeklagten Taten. In den Zuschauerraum, wo Bürgermeister Martin Ellermann gemeinsam mit den Fraktionsvorsitzenden Susanne Stämmler (SPD) und Jutta Weyher (CDU) den Verhandlungsauftakt verfolgt, macht sich angesichts der Zahlenmenge die bekannte Fassungslosigkeit breit. Laut Anklage haben unter den Augen der Kassenleiterin binnen vier Wochen locker 21 000 Euro in Einzelbeträgen zwischen 1000 und 6000 Euro die Seiten gewechselt. Bar aus der Kasse im Tresor oder per Überweisung. Nicht nur ein oder zwei Monate – nein, zwei Jahre lang, Woche für Woche. Und womöglich erzählt die Anklage nicht mal die ganze Geschichte, denn im Kassenloch von Harrislee werden weitere 2,3 Millionen Euro vermutet. Laut Feldmann wollte die Angeklagte das kriminelle Buchungssystem dauerhaft als Nebeneinnahme installieren. Die Angeklagte aber weist das rigoros zurück. „Wie soll ich mir das ganze Geld denn genommen haben? Dann hätte ich ja täglich mit 1000 Euro aus dem Gemeindehaus gehen müssen!“

So wie sie es darstellt, hatte sie dazu weder Zeit noch Gelegenheit. Als Personalrätin habe sie ein Viertel ihrer Arbeitszeit für die Belegschaft im Gemeindehaus aufwenden müssen („Da war ständig Krach, Krieg, Mobbing“) . Als Kassenleiterin sei sie gar keine Kassenleiterin, sondern nur der verlängerte Arm des inzwischen verstorbenen Kämmerers gewesen. P. habe die Konten aufgestellt und kontrolliert, behauptet sie.

Jutta Weyher, gelernte Kauffrau und Buchhalterin, die lange Jahre für die CDU im Gemeinderat sitzt, schlug innerlich die Hände über dem Kopf zusammen, als Annemarie F. darlegte, wie in Harrislee gewirtschaftet wurde: Spickzettel vom Kämmerer, die im Tresor Wochen auf ihre Bearbeitung warteten, Buchungen aufs Geratewohl, unspezifizierte Sammelbuchungen, nicht ins Soll gestellte Auszahlungen auf Quittung, Umbuchen, bis das System passt. „Da“, so Annemarie F. mit Blick auf den verstorbenen Vorgesetzten, „hat man nicht lang nachgefragt. Das war einfach so.“ Beunruhigend, dass zu dieser Arbeitsstruktur die Überforderung der Kassenleiterin kam. „Ich kam mit der Arbeit einfach nicht mehr nach“, sagt sie. „Ich habe mir immer erhofft, das in besseren Zeiten aufzuholen.“

Das wird sie jetzt gemeinsam mit Staatsanwalt Feldmann machen können. Das Verfahren wird am 13. September ab 9.30 Uhr fortgesetzt. Anberaumt sind noch sieben Verhandlungstage bis zum 24. Oktober.

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