Wo die Straßen wie Götter heißen

Ramsharde, Ecke Baldurweg: Inge Krämer und Franz Mahner beim Spaziergang durch das Wohnquartier, das hier fast  dörflich anmutet.
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Ramsharde, Ecke Baldurweg: Inge Krämer und Franz Mahner beim Spaziergang durch das Wohnquartier, das hier fast dörflich anmutet.

Das Wohnquartier Ramsharde im Norden der Stadt ist schwer zu fassen - und überraschend abwechslungsreich

shz.de von
02. Juli 2011, 07:09 Uhr

Flensburg | Was ist eigentlich die Ramsharde? Ein Stadtteil jedenfalls nicht: Der heißt Nordstadt und umfasst die statistischen Bezirke Kreuz, Galwik und Klues. Was ist also Ramsharde? Einer, der das wissen muss, ist Franz Mahner. Der 71-Jährige ist Wahl-Ramsharder seit Jahrzehnten und saß 20 Jahre lang für die SPD im Rat und im Bauausschuss: "Ursprünglich", sagt Mahner, "war das der Stadtteil zwischen Toosbüystraße und Nordertor" - und greift damit wohl gleich etliche Jahrhunderte zurück. Im Zuge der Zeit muss der Begriff dann vom nördlichen Altstadtkern "gewandert sein" - auf das Ramsharder Feld, jene Gemarkung an den Hängen der Neu- und Nordstadt, die heute die schwer genau abzugrenzende Ramsharde beheimatet. In irgendeiner fernen Zwischenzeit könnte sogar alles nördlich des Nordertores zur Ramsharde gehört haben, vermutet Mahner, der seit vielen Jahren am Gravensteiner Weg lebt.

Ende der 20er Jahre muss es gewesen sein, als die Siedlung Ramsharde um die gleichnamige Straße jenseits des Alten Kupfermühlenwegs Richtung Westen wuchs. "Da hat man wieder auf den Namen zurückgegriffen", sagt Mahner. Ab den 60er Jahren wurde die Sigurdstraße bebaut. Und das neue Wohngebiet Am Katharinenhof machte die Grenzlandkaserne von 1938 im neuen Jahrtausend wieder zu einem großen Baugebiet für junge Familien.

Was also gehört heute zur Ramsharde? Auf jeden Fall die Bauer Landstraße, auch die untere mit dem Turnerberg, sagt Mahner. Und jenseits der Bauer Landstraße die frühere Kaserne. Oder: Von der Bergmühle im Süden bis zur Sigurdstraße im Norden. Und dann drückt es Franz Mahner wieder anders aus: "Alles, was oberhalb der Hangkante der Apenrader Straße liegt, gehört zu Ramsharde."

Eines indes erschließt sich beim ersten Spaziergang durchs Quartier. Es geht entlang der fast dörflich geprägten Siedlungshäuser der Straße Ramsharde, dann entlang der Mehrfamilienhäuser am Schwarzen Weg zu den Hochhäusern oben auf dem Berg mit ihrem höchsten an der Freyastraße: Es dürfte wohl kaum ein Viertel in Flensburg geben, das auf so dichtem Raum unterschiedlichste Wohncharaktere vereint. Die untere Bauer Landstraße mit ihren großzügigen Altbauwohnungen, das Neubaugebiet auf Kasernengrund, die Siedlungshäuser und die Einfamilienhaussiedlungen an den Hängen der Nordstadt.

Dabei sind die Ramsharder auch auf einige Superlative stolz. Der Straßenzug Ramsharde soll die erste verkehrsberuhigte Straße in Flensburg gewesen sein - und die Bewohner der obersten Etage des Hochhauses Freyastraße leben, davon ist man hier überzeugt, in der höchstgelegenen Wohnung der Stadt. Und die Gärten hinter den Siedlungshäusern der Straße Ramsharde waren einst acht Meter breit und 200 Meter lang. Hier wurden ganz ländlich Schweine und Hühner gehalten, bis ab den 60er Jahren manch ein Hausbesitzer Land für die Neubauten an der Sigurdstraße abgab.

Dennoch - in den 70er, 80er und 90er Jahren stand es nicht überall gut um dieses Viertel, mancher Straßenzug galt fast als verwahrlost. Denn die Ramsharder haben ihr Schicksal in die Hand genommen. Der Arbeitskreis Flensburg Nord hat Kinder- und Jugendeinrichtungen, Schulen und Senioreneinrichtungen an einen Tisch geholt. Bis zu 30 Leute kommen heute zu regelmäßigen Treffen, berichtet SPD-Ratsfrau Inge Krämer, die den Verein Flensburger Norden einst mit ins Leben rief: "Wir sind heute sehr gut vernetzt", findet sie. Zu den wichtigen Einrichtungen im Viertel gehört heute neben dem ADS-Jugendtreff Ramsharde, der einst als Erster in der Stadt Mittagstisch für Kinder in schwierigen Lebenslagen anbot - oder die Comeniusschule, die mit ihren vielfältigen Aktivitäten positiv im Quartier wirkt. Auch die Neubausiedlung am Katharinenhof ist zum Impuls für das Viertel geworden.

Um die Bewohner von Sigurdstraße, Baldur- oder Wotanweg muss man sich also keine Sorgen machen. Das Viertel mit den Straßennamen der germanischen Gottheiten und Helden ist auf göttlichen Beistand nicht mehr angewiesen.

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