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Praktikum in Grönland : Wo die Geister am Himmel tanzen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit Ende Januar brachte die Flensburgerin Verena Pflanz jungen Erwachsenen in Grönland Englisch bei. Heute reist sie nach Hause zurück.

shz.de von
erstellt am 09.Mär.2016 | 11:00 Uhr

Sarfannguit/Flensburg | Beherzt greift Verena Pflanz zum Plastikbeutel und „bezieht“ die Kloschüssel unterhalb des Sitzes, wie es ihr Kommilitone Dennis Röben in der kleinen Videodokumentation ausdrückt. Normalerweise macht man das nicht selbst, sondern kommt tatsächlich jemand ins Haus, der die (gefüllte) Tüte zweimal in der Woche abholt und entsorgt. „So geht das mit dem WC auf Grönland“, erklärt die Flensburgerin mit einem Hauch von Ekel und will sich das Ganze nicht im Sommer vorstellen. Pflanz ist 25 und studiert Englisch und Deutsch als Fremdsprache sowie Hauswirtschaft auf Lehramt in Hadersleben. Seit Ende Januar unterrichtet sie als Praktikantin Englisch im grönländischen Sarfannguit in einem Projekt für junge Erwachsene, die auf das Examen im Mai vorbereitet werden. „Ich habe ein gutes Gefühl, weil ich weiß, dass ich ihnen etwas beigebracht habe“, resümiert Verena Pflanz kurz vor Ende ihrer Zeit auf der arktischen Insel, die sich selbstverwaltet und zum Königreich Dänemark gehört. Wenn die Studentin in ihrem Unterricht mal keinen „fertigen“ Lehrer an ihrer Seite hat, freut sich die Norddeutsche. „Denn dann sind die Schüler aktiver dabei, da niemand auf Grönländisch übersetzen kann.“

Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist intensiv. Das Beschnuppern, so schätzt Verena Pflanz, hat eine Woche gedauert. Alsbald war sie schon beim Bürgermeister und Gattin zu Gast und erhielt selbst eine Art Unterricht in Landeskunde im Büro der Kommune. Sie erfuhr, dass 87 Prozent der 56  000 Menschen auf der größten Insel der Welt rauchen, obwohl Zigaretten unglaublich teuer seien. Jeder Vierte erkranke an Lungenkrebs. Die andere Sucht, die den Menschen auf Grönland zu schaffen macht, ist Alkoholismus. Pflanz hat von einer Statistik erfahren, die besagt, dass jede Person täglich 60 Flaschen Bier trinke – wobei zur Vereinfachung auch härtere Getränke in „Bier umgerechnet“ wurden. In den letzten Jahren soll immerhin die Menge Alkohol um fünf Liter pro Person gesunken sein.

Manch einer macht die Lichtverhältnisse für solche Probleme verantwortlich. Dunkelheit hat auch die Flensburgerin als große Herausforderung vor ihrer Abreise angenommen. Jedoch ähnele der Winter auf Grönland dem in Deutschland, hat sie festgestellt. Längst sei es viel länger hell als im Januar. Und die Nordlichter wiegen einiges auf. „Als würden Geister durch den Himmel tanzen und ein Fest feiern“, so vergleicht Pflanz das Phänomen, das sie fast jeden Abend beobachtet.

Das Feiern beherrschen die Bewohner Grönlands offenbar in Perfektion. Ob 60. Geburtstag des Bürgermeisterpaares oder Taufe: Die Speisekarten, die Verena Pflanz in ihrem Blog beschreibt, haben es in sich. Als Vorspeisen werden beispielsweise Fischsuppe, Garnelensalat, geräucherter Lachs und Brot serviert; für die Tomaten und Gurken, die die Kinder aus der Stadt mitgebracht hatten, war Pflanz besonders dankbar. Unter den festlichen Hauptspeisen finden sich Rentier und Rotkohl, der kalt gegessen wird, Kartoffelgratin und Gemüse. Auch vom Rentier, Walross und Weißwal hat Pflanz schon probiert. Und als Dessert werden regelmäßig Kaffee und Tee, Rosinenbrötchen und jede Menge Kuchen und Schokolade aufgetischt. Einmal hat das Buffet einen Gast so müde gemacht, dass er „mit dem Kopf auf dem Tisch einschlief und erst vier Stunden später wieder erwachte“, berichtet die 25-Jährige. Und andere Gäste scheren sich nicht darum, wenn ihr Telefon während eines Fests klingelt: Sie beantworten den Anruf direkt am Platz, auch wenn im Hintergrund eine Rede gehalten wird. Von „Wasserauffüllstationen“, Stromausfall und Schule, von Ausflügen mit Schlittenhunden und sieben Schichten Kleidung und Vaseline im Gesicht bei um die 30 Grad Celsius unter Null kann die Flensburgerin ihrer Familie und Freunden in dieser Woche wieder leibhaftig erzählen.

Heute gehen ihre Flüge zurück nach Hause: Zuerst mit dem Helikopter von der kleinen Insel zum nächsten Ort Sisimiut, am Freitag dann mit einem weiteren Stopover auf Grönland zurück nach Kopenhagen.

http://groenlandsite.wordpress.com


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