Wo der Winter wärmer ist als der Flensburger Sommer

Inmitten seiner Schüler: Robert Kühn hat noch gut zwei Jahre an der Schule in der brasilianischen Metropole vor sich , bevor er zurück nach Deutschland geht. Foto: sh:z
Inmitten seiner Schüler: Robert Kühn hat noch gut zwei Jahre an der Schule in der brasilianischen Metropole vor sich , bevor er zurück nach Deutschland geht. Foto: sh:z

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25. Juli 2012, 03:59 Uhr

Flensburg / Rio de Janeiro | "Wenn das Thermometer unter 16 Grad fällt, ziehen die Leute Handschuhe an." Wo Robert Kühn lebt und arbeitet, sind die Menschen verwöhnt. Kühn hat an seinem Wohn- und Arbeitsort Klimaverhältnisse, von denen man hier nur träumen kann. "Es ist selten mal kälter als 24 Grad, auch nachts bleibt es warm."

Robert Kühn ist Leiter der deutschen Grundschule von Rio de Janeiro, seine Wohnung liegt nur gut einen Kilometer Luftlinie vom weltberühmten Copacabana-Strand entfernt. Der Winter in Rio ist deutlich wärmer als der Sommer in Flensburg. Die kühle Abwechslung bei seinem Urlaub in der Heimat ist ihm ganz gelegen gekommen.

Der 45-jährige Pädagoge ging 2009 nach Brasilien; sein Vertrag läuft bis Ende 2014. In Flensburg war er lange an der Unesco-Schule Weiche tätig und vor seiner Abreise ein halbes Jahr an der damaligen Löhmann-Schule. In der Sechs-Millionen-Metropole am Atlantik hatte der Flensburger einen perfekten Einstieg: Seine Frau Delaine stammt aus Rio, Kühn war sofort Teil einer brasilianischen Großfamilie. Kennen gelernt hatte er seine heutige Ehefrau vor acht Jahren, als er seinen Bruder seinerzeit in Rio besuchte.

Kühn strahlt eine durch und durch positive Einstellung zum Leben und zum Lehrer-Beruf aus - ob in Weiche oder am Zuckerhut. Er fahre morgens schon um 6.40 Uhr in die Schule, dann sind die Straßen noch frei. Der Unterricht beginnt ohnehin um 7.15 Uhr und läuft bis in den Nachmittag hinein. Es werde viel gearbeitet an der Schule, Sportfeste und ähnliches finden zudem sonnabends statt. Ihm mache das nichts aus, er sei gern Lehrer - auch in Rio, wo andere Urlaub machen und die Sonne immer scheint.

Brasilianer und Deutsche passen zusammen, meint er, können voneinander lernen und profitieren: die Brasilianer von uns die klassischen deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, wir von den Südamerikanern die immer währende Freundlichkeit und die Lebensfreude. "Wenn man wieder nach Deutschland kommt, muss man sich erstmal wieder an eine gewisse Schroffheit im Umgangston gewöhnen", berichtet Kühn. Man wachse an der interkulturellen Begegnung, aber auch an zwischenmenschlichen Kontakten: "Die Deutschen wollen immer die Klimaanlagen abschalten und raus gehen, die Brasilianer lieben Klimaanlagen und bleiben in der Pause gern drinnen, bei 18 Grad", erzählt er verschmitzt. Nase putzen geht gar nicht in Brasilien, stattdessen wird, was hier verpönt ist, hochgezogen, wenn die Nase läuft. Kritiküben wird generell nicht gern gesehen und nur äußerst diplomatisch und mit Komplimenten garniert geübt.

Kühn ist nicht nur Verfechter des langen gemeinsamen Lernens, sondern auch der natürlichen Zweisprachigkeit. Die meisten Kinder seien Brasilianer, "wir haben nur wenige Ex-Patriots", also ausgewanderte Deutsche. "Die sind alle in Sao Paulo." Die Kleinen lernen schon im Kindergarten Deutsch, es gibt Grundschüler, die es nahezu akzentfrei sprechen. "Meine vierjährige Tochter Giovanna kann beim Buch vorlesen simultan übersetzen", sagt er. Der kleine Lockenkopf wächst komplett zweisprachig auf: Mama spricht Portugiesisch, Papa Deutsch mit ihr.

Seit fest steht, dass Olympia 2016 in Rio und die nächste Fußball-WM in Brasilien stattfindet, habe sich viel verändert in der Stadt der Favelas, der Elendsviertel. Die Sicherheit habe sich dramatisch verbessert: "Die Leute sitzen in den Straßencafés und haben das I-Phone auf dem Tisch liegen. Das wäre vor drei Jahren nicht denkbar gewesen." Die Favela Dona Marta, die 2008 "pazifiziert" - also befriedet - worden ist und bis an die deutsche Schule reicht, sei heute eine Touristenattraktion. Hier hat Michael Jackson das Video zu "They dont care about us" gedreht; ein Jackson-Denkmal erinnert daran. Ein deutscher Architekt kaufe Grundstücke in Favelas und baue dort attraktive Wohnhäuser. "Brasilien geht derzeit wirtschaftlich durch die Decke", beschreibt Kühn. Überall werde gebaut und investiert. Und: "Es entsteht eine Mittelschicht, das ist unheimlich wichtig für die Binnennachfrage."

Kehrseite der Medaille: "Es ist ganz schwer, guten und bezahlbaren Wohnraum zu finden." Rio sei eine sehr teure Stadt, für eine Wohnung zahle man schnell umgerechnet 1500 Euro Miete im Monat.

Robert Kühn fühlt sich mit seiner brasilianischen Frau und seiner deutsch-brasilianischen Tochter wohl in Rio. Dennoch steht für ihn fest: "Ende 2014 ist es genug, denn ich bin durch und durch Flensburger. Dann geht es wieder zurück in den Norden."

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