Wo der Blues wohnt

pohl

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02. November 2013, 00:31 Uhr

Fast hätte die serbische Sängerin mit dem schönen Namen Ana Popovic die spannendsten Ecken Flensburgs nicht kennen gelernt. Dann wäre sie, da sie eine preisgekrönte Blues-Musikerin mit Wohnsitz in Memphis/Tennessee ist, schwer dem Blues in die Klauen gefallen. Denn ihr Ziel war nicht das aus allen Reiseführern und N3-Fernsehsendungen bekannte Flensburg rund um den Hafen, sondern das raue, graue, harte Flensburg der Mergenthaler Straße. Dort ist der Blues zu Hause – jedensfalls war er das bis gestern Mittag.

Und das kam so. Der Betreiber des Ladens, der Ana Popovic gebucht hatte, wollte diesen Laden ein wenig umbauen, verkleinern, aufhübschen. Gemütlicher machen. Und aus einem Raucherraum einen Lagerraum machen.

Klar, dass die Stadt mit ihrem breit aufgestellten Portfolio an Genehmigungsbehörden ihm da gern behilflich sein wollte. Da gibt es die Feuerwehr mit ihren Experten für den vorbeugenden Brandschutz, das Gesundheitsamt mit Fachleuten in allen Fragen der öffentlichen Hygiene und das Bauordnungsamt, das dafür sorgt, dass beim Bauen alles seine Ordnung hat. Das nahm die Betreuung des eifrigen Betreibers so ernst, dass es alle paar Tage den zuständigen Sachbearbeiter wechselte. Und da die Vertreter all dieser Behörden natürlich ihren Job gut machen wollen, zog etwas Zeit ins Land und noch etwas mehr Zeit, so dass der Termin, an dem die serbische Sängerin gebucht war, immer näher rückte.

Dann hatte jemand aus dem Ordnungsamt die Idee, dass eigentlich noch ein Prüfsachverständiger für den Brandschutz behilflich sein könnte, von denen es nur ganz wenige mit ganz vollen Terminkalendern gibt. Trotzdem schaffte es unser Betreiber, kurzfristig einen aus Kiel herbeizuschaffen, der sich die Baumaßnahmen anschaute und vorschlug, zu einer Gipswand lieber noch eine kräftige deutsche Mauer zu bauen. Das war Donnerstag abend. Unser Mann raste zum Baumarkt, besorgte zwei Paletten Steine und mauerte mit Helfern die Nacht durch, machte ein Foto, mailte es dem Prüfsachverständigen für den Brandschutz, der daraufhin ein Okay zurück mailte. Fehlte noch das Okay des Flensburger Ordnungsamtes. Mittlerweile war es Freitag vormittag. Das Behördenwochenende in greifbarer Nähe.

Da rief die Zeitung an: „Wie sieht’s aus? Gibt es noch Karten für Ana Popovic?“ Unser Betreiber druckste herum. „Der muss ich wohl absagen. Keine Konzession.“ Kurze Rückfrage im Rathaus: „Wie sieht es eigentlich mit der Konzession für die Mergenthaler Straße aus?“ Da war es schon 11 Uhr. Aber wer jetzt denkt, dass im Flensburger Rathaus freitags um 12 der Hammer fällt, der hat sich amtlich getäuscht. Denn selbstverständlich wird das Ordnungsamt auch zu dieser nicht sehr beamtenfreundlichen Zeit aktiv, wirft prüfende Blick und erteilt eine Einzelgestattung für Ana Popovic. Wenn sie das wüsste!

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