Wo das Herz der Flensburger Industrie schlägt

Mit fünf Helgen begann der Betrieb der Neuen Werft. Der Gasometer ganz links markiert den Standort des Kraftwerkes. Foto: Stadtarchiv
Mit fünf Helgen begann der Betrieb der Neuen Werft. Der Gasometer ganz links markiert den Standort des Kraftwerkes. Foto: Stadtarchiv

Boom für Schiffbau: Am Ostseebad begann die neue Werft 1902 mit fünf Helgen - heute entstehen im Flensburger Norden Schiffe wie am Fließband

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14. August 2012, 06:54 Uhr

Flensburg | Vor hundert Jahren, am 11. August 1912, flog der Zeppelin "Hansa" über Flensburg. Die Bürger waren aus dem Häuschen. Mit an Bord: Ein Fotograf mit seiner gewaltigen Plattenkamera, der die ersten Luftbilder der Stadtgeschichte aufnahm. Zum Jubiläum hat die Stadtredaktion diese Aufnahmen von damals Luftbildern der Gegenwart gegenübergestellt und präsentiert zusammen mit dem Stadtarchiv in zehn Folgen ein einmaliges Dokument der städtischen Entwicklung und Veränderung.

Der große Erfolg ihrer Schiffskonstruktionen - die Mehrzahl der Neubauten ging nicht an Flensburger, sondern an auswärtige Auftraggeber - und die Überlastung vieler Werften in England bescherten der Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft (FSG) um 1900 einen Boom. Die Folge: Das Gelände an der Werftstraße war nach rund 25 Jahren zu klein. Die Lösung des Problems lag in kurzer Entfernung Richtung Förde am Ostseebad. Dort konnte die FSG eine Fläche von 58 000 Quadratmetern erwerben. Die Zeittafel der Hafengeschichte nennt das Jahr 1900 für den Beginn der Aufschüttungen. Fünf große Helgen entstanden.Das alte Luftbild zeigt auch ein Schwimmdock.

1912, im Jahr des "Hansa"-Fluges, verzeichnet die Werftchronik zwei bemerkenswerte Ereignisse: einen großen Streik und den Bau des Feuer schiffes "Kalkgrund", ab 1925 Feuerschiff "Flensburg" genannt, das den Schiffen Jahrzehnte lang den Weg in die Förde und nach Flensburg zeigen sollte.

Das neue Foto ist geprägt von der modernen Werftgeschichte. 1981 wurden die Weichen gestellt für eine Fusion der Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft und des Harmstorf-Konzerns mit dann vier Werften in Norddeutschland und Berlin sowie der Reederei Harmstorf.

Mit den Beschlüssen von 1980 ging der Flensburger Werft ein kleines Anhängsel verloren: Das kleine s im Wort Schiffsbau. Seitdem firmiert die Werft unter Flensburger Schiffbau-Gesellschaft.

1982 startete für die Werft ein Investitionsprogramm in Höhe von 50 Millionen Mark. In dessen Mittelpunkt stand der Bau der großen Werfthalle, die den wetterunabhängigen Schiffbau ermöglichte. Die Helling unter Dach ist 32,70 Meter breit, angepasst an die Schleusen des Panama-Kanals. An der Pier neben der Halle werden die Schiffe nach dem Stapellauf ausgerüstet. Zur Zeit der Aufnahme lag dort eine der Fähren, mit deren Entwicklung sich die FSG einen guten Platz in einer Nische des Weltmarktes gesichert hat. Hinter der großen Halle ist das kreuzförmige Verwaltungsgebäude der FSG zu sehen.

Im Vergleich der Fotos fällt auch auf, dass es kein Dock mehr gibt. Nach der Rettung aus dem spektakulären Konkurs von Harmstorf-Gruppe und FSG stellten der neue Eigner Oldendorff und sein Geschäftsführer Fred Garbe das Unternehmen neu auf. Ziel war ein Schiffbau in Serie. Durch die Erfahrung mit mehreren gleichen Schiffen war die Zahl der teuer zu beseitigenden Fehler zurück zu drängen. Ein Schwimmdock passte nicht mehr in die Konzeption. Zwar hatte es noch spektakuläre Verlängerungen von Schiffen ermöglicht, doch zeigte sich, dass Aufwand und Ertrag für das Unternehmen in keinem gesunden Verhältnis standen. Auch von Malern und Tischlern trennte sich die FSG. Die Mitarbeiter sollten sich voll auf ihr Kerngeschäft, den Stahlbau, konzentrieren.

Ein Stück Flensburger Industriegeschichte zeigt das alte Bild am linken Rand, links vom Knick der Batteriestraße. Dort steht ein Gasometer und markiert den Standort der künftigen Stadtwerke. 1908 wurde das Gaswerk neu gebaut an der Batteriestraße. 1913, ein Jahr nach dem Flug der "Hansa", wurde am heutigen Standort das Kraftwerk für die Stromproduktion eingeweiht.

Von dem einstigen Versorgungsunternehmen zeigte das aktuelle Foto nur noch das frühere Maschinenhaus mit seiner wie ein Kirchenschiff zum Wasser hin gestalteten Giebelseite und den typischen grünen Kupferdächern.

Immer wurde an der Batteriestraße Strom aus Kohle erzeugt. In den 1960er Jahren kam der Gedanke auf, den Dampf, der die Turbinen für die Stromproduktion antrieb, nicht mehr in die Luft zu blasen, sondern dessen Restenergie ein weiteres Mal zu nutzen: Für die Versorgung der Stadt mit Fernwärme. Dafür gab es Vorbilder in Skandinavien. Die beiden silbernen, hohen Tanks links vom Schornstein, in denen warmes Wasser für die Fernwärme gespeichert wird, sind ein Hinweis auf diese ökologische Wärmeversorgung, die für Flensburg zum Erfolgsmodell wurde.

Noch wird das Stadtwerke gelände vom Brennstoff Kohle geprägt, mit dem Kai, seinen speziellen Entladeanlagen, mit den Kohlehalden. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen wird diese Optik in einigen Jahren nur noch Erinnerung sein: Die Stadtwerke wollen den Brennstoff Kohle durch Gas ablösen.

Ganz links am Bildrand sind die Bergmühle und die Häuser der Bau’er Landstraße sichtbar. Im Gebiet hinter den beiden Industriekomplexen von Werft und Stadtwerken ist vom linken Bildrand die Linie der Apenrader Straße erkennbar an den Dächern der Wohnhäuser, die parallel zur Fahrbahn gebaut wurden. Im rechten Bildteil unterbrechen hohe Bäume diese Linienführung. Aus dem Grün ragt der rote Komplex der Petrischule heraus.

Bei der Spitze des Stadtwerke-Schornsteins öffnet sich ein Blick in die Terrassenstraße. Untergliedert wird das Gelände zwischen Apenrader Straße und dem Straßenzug Brauereiweg-Batteriestraße (von links) durch die Steinstraße, den Trollseeweg und die Straße "Am Ostseebad". Mit einiger Mühe erkennbar sind die beiden pilzförmigen Hochbunker, die im Zweiten Weltkrieg der Bevölkerung des Stadtteils und Arbeitern aus den Betrieben Schutz bei Bombenangriffen geben sollten. Der Bunker am Trollseeweg -vom Holländerhof einbezogen in sein Werkstattgelände - fällt auf durch das blaue Dach, das Zwillingsbauwerk an der Steinstraße zeigt nur ödes Grau.

Das Luftbild macht deutlich, wie schön der gesamte Stadtteil Ostseebad in Grün eingebettet ist. Am oberen Bildrand verläuft im leichten Bogen die Westumgehung.

Sonnabend letzte Folge: Westliche Höhe mit dem Marienhölzungsweg

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