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Klischee-Analyse : Wissenschaftler sammeln Vorurteile

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Hochschulen Odense und Kiel erforschen die typischen Denkweisen über die Nachbarn im Grenzland. Am Ende könnte ein Leitfaden für Unternehmen entstehen.

Wir kennen sie alle. Die Vorurteile, die Klischees, im Fachjargon Stereotypen. Sie können Positives und Negatives ausdrücken, begleiten uns ein Leben lang und lassen sich auch nicht so einfach abschütteln. Da tuckert ein dänischer Autofahrer vor uns auf der Straße und wir murmeln: „Typisch, das kann nur ein Däne sein!“. Umgekehrt ist auch von den peniblen Deutschen immer wieder die Rede, die einfach keinen Sinn haben für Gemütlichkeit und Spontanität. Dänemark hat ein eher positives Image in Deutschland, aber nach Deutschland fährt man nur, um billig Bier und Süßigkeiten zu kaufen. Ist das wirklich so?


Aufspüren und analysieren

Das EU geförderte SMiK-Projekt (Nationale Stereotype und Marketingstrategien in der deutsch-dänischen interkulturellen Kommunikation) will diese Stereotypen aufspüren, katalogisieren und analysieren. Dazu läuft bis Ende Oktober eine Internet-Fragebogen-Aktion auf der SMiK-Homepage zu stereotypen Äußerungen z.B. in der Form „Die Deutschen sind…“ bzw. „Die Dänen sind…“. „Ich bin gebürtige Isländerin und habe ganz andere Stereotypen im Gepäck, als Deutsche und Dänen. Da kam mir die Idee zu diesem Projekt. Außerdem liegen die wissenschaftlichen Untersuchungen in diesem Bereich bis zu 20 Jahre zurück. Da muss sich doch inzwischen was geändert haben?“ erklärt Dr. phil. Erla Hallsteinsdóttir von der Süddänischen Universität Odense die Projektidee. Dort ist sie Professorin am Institut für Sprache und Kommunikation und Projektleiterin von SMiK.

Klischees und mehr sammeln

Vor gut einem Jahr ging das Projekt mit der Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Kiel als deutschem Partner an den Start. „Wir sind momentan viel in Deutschland und Dänemark unterwegs, um unser Projekt vorzustellen und uns mit Interessierten auf Messen und Konferenzen zu unterhalten! Ein ganz wichtiges Ziel ist, dass wir uns zeigen und präsentieren. Das Projekt findet nicht hinter verschlossenen Türen statt, sondern will öffentlich sein!“ sagt Erla Hallsteinsdóttir.

Dem kann die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts Katarina Le Müller nur zustimmen: „Ich habe zwischen Januar und Juli 2013 rund 40 Firmen in Deutschland und Dänemark besucht. Wir haben speziell einen Fragebogen entwickelt und Interviews vor Ort durchgeführt zu Geschäftsgebaren, Kontakten über die Grenze hinweg, Sprachkenntnissen und Branchenzugehörigkeit.“


Service für Schulen und Firmen

Die spätere Auswertung des Projektes soll dazu beitragen, kleinen und mittelständischen Unternehmen ein paar Werkzeuge an die Hand zu geben, wie sie den Markteintritt in das jeweils andere Land besser bewältigen können. Insbesondere Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern wurden ausgewählt, da sie EU-rechtlich als Mikro- und Kleinstunternehmen gelten. „Genau diese Firmen sind für uns interessant, da sie über weniger Mittel für z.B. Beratung, Öffentlichkeitsarbeit und Marktanalysen verfügen“, erklärt Katarina Le Müller. Sie hat auch schon einige Vorstellungen, wie den kleineren Unternehmen geholfen werden kann. „Im SMiK-Projekt definieren wir Stereotype als Denk- und Handlungsmuster. Diese Muster bekommen in der Kommunikation meist bestimmte sprachliche Formen. Deshalb wollen wir z.B. Muster-Werbebriefe in beiden Sprachen erstellen und erklären, worauf zu achten ist, wenn man per E-Mail über die Grenze hinweg kommuniziert. Außerdem wollen wir zeigen, wie man Netzwerke aufbauen kann und die sozialen Medien nutzt. In Dänemark z.B. benutzen viele ‚Linked.in‘ als Netzwerkplattform, während in Deutschland ‚XING‘ im beruflichen Bereich bevorzugt wird. SMiK wird diese Informationen kostenfrei zur Verfügung stellen und so auch nachhaltig von Nutzen sein.“

Auch Sprachförderung und kulturelles Verständnis liegt den Machern von SMiK am Herzen. Dazu werden Workshops mit dem Thema „Stereotypen“ an Schulen und auf Seminaren angeboten. Aus den Ergebnissen dieser Workshops mit der Bezeichnung „Stereotype basteln“ werden Unterrichts- und Lehrmaterialien für schulische Einrichtungen erstellt. Diese werden vorher am Regionalen Bildungszentrum in Kiel getestet und auf ihre Eignung geprüft. Das SMiK-Projekt soll 2015 abgeschlossen sein.


Wie räumt man Vor-Urteile aus?

Beispiele oder Ergebnisse zu gängigen, aktuellen Klischees der Dänen und der Deutschen möchten die Sprachwissenschaftler noch nicht nennen. Prof. Dr. Jörg Kilian vom Germanistischen Seminar der CAU nennt den Grund: „Die Gefahr, dass sich die Befragten durch Hinweise auf Stereotype beeinflussen lassen, wäre zu groß und würde das Ergebnis verfälschen.“ Man wolle bei SMiK auch nicht das Denken ändern, sondern den Umgang mit Unterschieden und Stereotype aufzeigen. Und davon könnten vor allem junge Menschen profitieren: „Stellen Sie sich vor, ein Handwerksmeister aus Deutschland schickt seinen jungen Azubi nach Dänemark. Der weiß aber gar nicht, wie er sich in dem Land verhalten soll. Da könnte das SMiK-Projekt dem Handwerksbetrieb Material an die Hand geben und zum Geschäftserfolg auf der anderen Seite der Grenze beitragen“, schildert Kilian den praktischen Nutzen dieser wissenschaftlichen Untersuchung und sagt weiter: „Wir zeigen den jungen Menschen quasi, wie sie ihre Vorurteile wie eine Brille absetzen und die Dinge aus einer neuen Perspektive betrachten können.“


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erstellt am 15.Okt.2013 | 12:45 Uhr

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