SG Flensburg-Handewitt : „Wischer-Girls“: Zwischen Sexismus und einem Job im Rampenlicht

<p>Die Flensburger Wischerinnen gehören zu den kompetentesten in Deutschland.</p>

Die Flensburger Wischerinnen gehören zu den kompetentesten in Deutschland.

Frauen, die den Männern hinterherwischen? Die selbstbewussten Wischerinnen der SG Flensburg-Handewitt sind mehr als das.

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29. Januar 2018, 19:25 Uhr

Flensburg | Sie sind weiblich, jung und schön. Ein weißer Rock und ein bauchfreies T-Shirt. Auf beidem der Schriftzug des Erotikunternehmens Orion. Ihre Aufgabe: Aufmerksam in der Ecke außerhalb des Spielfeldes das Spielgeschehen verfolgen. Ihr Einsatz beginnt, wenn einer der Männer auf dem Feld stürzt. Dann heißt es möglichst schnell und unauffällig, ohne die Männer bei ihrem Spiel zu behindern, den Schweiß vom Boden zu wischen und so schnell wie möglich wieder vom Spielfeld zu verschwinden.

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Sexistisches Rollenbild

Das Bild, das man von den Wischerinnen in der Halle der SG Flensburg-Handewitt bekommt, sollte jemanden, für den Sexismus kein Fremdwort ist, zumindest stutzig machen. Wer sind die Frauen mit den Wischern?

Sie gehören in Deutschland zur „Königsklasse“ unter den Wischern und Wischerinnen. Das sagt zumindest ihr Chef, Jan Ipsen. Aber auch ein Blick auf den nationalen und internationalen Handball bestätigt die Annahme: Die Wischerinnen aus Flensburg werden gerne für Großevents gebucht. So wischen die Flensburgerinnen schon seit einigen Jahren bei den Final Fours der Champions League in Köln oder den National Final Four.

Die acht jungen Frauen scheinen ein eingespieltes Team zu sein. Auch unter den Schiedsrichtern gehören sie zu den beliebtesten, so Ipsen. Stehen sie in der „Hölle Nord“ für die SG am Parkett, stattet das Flensburger Erotikunternehmen Orion sie aus. „In so vielen Branchen gilt: „Sex sells“ – allerdings nicht in der Erotikbranche, wo so ein Motto eher platt und wenig erotisch wirkt“, meint Orions Pressesprecherin, Susanne Gahr. Allerdings gehe es für Orion nicht darum, die Wischerinnen als Sexobjekte darzustellen. Deshalb habe sich das Unternehmen bewusst für handelsübliche Sportbekleidung entschieden, die die Erotik auf elegante und ansprechende Art mit dem Handballsport verbinde. „Zumal Handball auch ein Familienevent ist, bei dem viele Kinder zuschauen.“

Die Wischerinnen bestätigen das und meinen, sie würden nicht sexualisiert zur Schau gestellt. Auch ihre Outfits hätten sie selbst gewählt. „Man kann da auch nicht unter den Rock gucken oder so. Da sind Hosen eingearbeitet. Wir müssen uns beim Wischen ja auch etwas überbeugen“, sagt Nele. Sie fühlen sich wohl – darauf kommt es an.

Das Gesamtbild vermittelt ein veraltetes Rollenbild und sexuelle Verfügbarkeit

Das Problem scheint auch weniger die Kleidung der Frauen zu sein, als vielmehr das Rollenklischee, das durch ihre Aufgabe vermittelt wird. Gepaart mit dem sexy Auftreten, wird hier ein lange bekanntes Bild vermittelt: Frauen halten Männern den Rücken frei und sollen dabei möglichst dekorativ sein. Wie das ankommt, zeigen auch die sexistischen Kommentare von Männern und Frauen, denen die Wischerinnen ausgesetzt sind. Kim-Lara musste sich schon einiges anhören. „Vor allem, wenn die Kommentare anonym sind. Manches geht echt gar nicht.“ Sie erinnert sich an einen Kommentar unter einem Bild, das über die Social Media App „Jodel“ gepostet wurde: „In deren Schloss steckten schon einige Schlüssel.“

Warum gibt es keine Wischer?

Anders als in anderen Vereinen, besteht das Flensburger Team ausschließlich aus Wischerinnen. Das liege allerdings nicht daran, dass Jan Ipsen nur Frauen für den Job einstellen will. Es hätten sich einfach nie Männer auf den Job beworben, erklärt Jan Ipsen. Und auch sonst komme es nicht auf die Äußerlichkeiten an. „Sie sind selbstbewusst, handballbegeistert und hochkonzentriert.“ Und darauf kommt es an: Die Wischerinnen machen den Job neben dem Studium oder dem Beruf. Sie sollen natürlich Spaß am Handball haben. Aber Jubel und zu viele Emotionen seien in ihrem Job nicht angebracht. Aufmerksamkeit ist gefragt, um den Einsatz nicht zu verpassen. Ansonsten gibt es nur noch ein Einstellungskriterium: Sie müssen volljährig sein.

So wirklich ausschreiben musste Jan Ipsen die Stelle bislang nicht, wenn er neue Wischer oder Wischerinnen für sein Team gesucht hat. In den meisten Fällen hat sich das Team durch Kontakte erweitert oder die SG leitet Initiativbewerbungen an Jan Ipsen weiter.

Im Gespräch mit den Wischerinnen trifft man auf junge, selbstbewusste und aufgeschlossene Frauen. Es ist schön, dass das Unternehmen sich gegen Sexismus positioniert. Jedoch wenig glaubwürdig, solange die Wischerinnen auf dem Parkett und im Internet in sexualisierter Form dargestellt werden. Solange Orion von „heißen Pfiffen, prallen Bällen und ganz viel Schweiß“ redet, oder im Imagefilm Statements wie: „Wir halten unseren Jungs die Platte sauber“ zu sehen sind, werden die Körper der Frauen sexualisiert dargestellt und ihre Arbeit erscheint im Kontext der klassischen Rollenverteilung.

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