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Flensburger Schülerzeitung : Wirbel um Aktfoto-Satire

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Der Flensburger Stadtschülerrat erntet wegen eines Aufrufs, „die volle Nacktheit zu präsentieren“ viel Kritik. Eltern erwägen Strafanzeige – wegen Anstiftung zur Kinderpornografie.

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erstellt am 12.Feb.2014 | 07:06 Uhr

Flensburg | Harmlose Satire, ernst zu nehmende Warnung oder gar Aufruf zu einer Straftat? An einem Artikel der Pilotausgabe der ersten stadtweiten Schülerzeitung Flensburgs scheiden sich die Geister. An den Schulen der Stadt hat der Beitrag „Der ultimative Guide zur Aktfotografie“ erheblichen Staub aufgewirbelt. Der Verfasser schlägt darin zunächst einen Bogen von der klassischen Malerei hin zur Aktfotografie – sachlich formuliert. Nach diesem Exkurs begibt er sich mit dem („in der Szene häufig zu hörenden“) Satz „Dem Mann muss Nacktheit mit der Kelle, nicht mit dem Teelöffel gegeben werden“ auf die Satire-Schiene. Diese Worte hatte der Autor selbst bereits im März 2012 ins Netz gestellt.

Es folgen elf exklusive Tipps für den, der „bester Aktfotograf der Welt“ werden will. Darin Empfehlungen, die jedem Fotografen die Haare zu Berge stehen lassen wie: „Das Model ist immer in der Mitte des Bildes.“ Für den, der noch nicht weiß, wohin die Reise geht, folgende Kostproben: „Such dir ein möglichst unerfahrenes Model“ – „Durchsuche Pornoseiten nach Inspiration für Fotos“ – „Stelle möglichst viel Körperkontakt her“ – „Denke an den Sex im Foto“ – „Veröffentliche die Bilder im Internet.“

Keine Frage, hier versucht sich jemand an Satire. „Ein untauglicher Versuch“, urteilt Peter Sellmer. Der Leiter der Käte-Lassen-Schule, die von Kindern ab zehn Jahren besucht wird, will eine Verteilung erst ab der Oberstufe dulden. „Und die Verfasser mögen sich erklären. Es reicht, wenn ein einzelner Schüler die Satire nicht erkennt.“

Es ist nicht das Verbot schlechthin, sondern ein Schutzgedanke, der Sellmer bewegt. Nicht abwegig, wenn man sich die naive Reaktion von Lea und Marlen (15) auf der Zunge zergehen lässt. „Es sind doch gut gemeinte Tipps.“ Und Nacktfotos ins Internet zu stellen, sei heute völlig normal. „Nicht so schlimm“, finden sie.

Eine Gymnasiastin wie die 18-jährige Lena kann sich hingegen ein Lachen nicht verkneifen. Sie identifiziert die Ironie auf Anhieb. Gibt aber zu bedenken: „Wir können darüber lachen, Jüngere jedoch nehmen das ernst. Sie sehen darin eher eine Ermunterung als eine Warnung.“

An der Goethe-Schule wurde das Thema vor Verteilung der Hefte mit der Schülervertretung besprochen. Direktor Arnd Reinke hat das überwiegend kritische Kollegium angeregt, das zu kommunizieren. „So  ist es allemal besser, als die große Keule herauszuholen.“

Auch ohne Keule hat die Botschaft den Stadtschülerrat als Herausgeber erreicht. Dessen Vorsitzender Jann Karrasch räumte am Dienstag gegenüber dem Flensburger Tageblatt ein, dass er die Satire für nicht gelungen halte und die Kritik besonders angesichts jüngerer Schüler nachvollziehen könne, die „vielleicht verleitet werden, das Geschriebene anzuwenden“. Wenig Verständnis hingegen habe er für Eltern, die, wie geschehen, juristischen Rat einholen und eine Strafanzeige wegen Anstiftung zur Kinderpornografie erwägen. „Das ist der falsche Weg, wir setzen auf offenen Dialog.“

Die Redaktion der Schülerzeitung erklärt sich auf ihrer Facebook-Seite: Man sei der Überzeugung, dass der Artikel für Kinder und Jugendliche nicht gefährdend ist, geschweige denn sie zum Sexting (Versenden von Nacktaufnahmen) aufrufe. Redaktionsmitglied Maurice Christiansen: „Wir wollten provozieren.“ An anderer Stelle des Heftes sei auf die Gefahren ernsthaft hingewiesen worden. „Das Feedback hat uns gezeigt, dass Schulen die Problematik des Sexting kennen, aber nicht hinreichend lösen können.“

Eine Schülerin wurde beim Lesen des Textes mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Als 15-Jährige hatte ihr Freund sie hüllenlos fotografiert, die Bilder ins Netz gestellt. Noch heute fühle sie sich entblößt, „nackt vor allen, die mich ansehen“.

Der Artikel im PDF:

Schülerzeitungs-Artikel.pdf

 

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