zur Navigation springen

Theater in Flensburg : „Wir werden ihn nicht enträtseln“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neues Kafka-Stück der Theaterwerkstatt Pilkentafel führt die Zuschauer in die beengte Welt des Schriftstellers

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2017 | 07:56 Uhr

„Das Mann hat Recht. Das ist alles wahr und die Wahrheit ist schrecklich.“ So das Fazit der jungen Elisabeth Bohde nach ihrer ersten Begegnung mit Kafka im Deutsch-Leistungskurs. Für Bohde eine Erleichterung: „Nicht ich bin verrückt. Andere fanden diese Welt auch so verrückt.“ Seitdem hätten sich „Spuren seiner Texte fest in die Hinterräume ihres Hirns“ eingenistet, erzählt sie.

Das neue Kafka-Stück der Theaterwerkstatt Pilkentafel beginnt mit einem Blick auf die persönliche Auseinandersetzung der Schauspielerin mit dem Autor. Sie führt die Theaterbesucher von hinten in den Bühnenraum und gibt bei kurzen Stopps in Werkstatt- und Requisitenräumen Einblicke in ihren künstlerischen Umgang mit den Texten: Eine Reise nach Prag – Kafkas Tagebücher im Gepäck – legte 1995 die Grundlage für die „Fuge mit Freiheiten“. Dieses Hörspiel, Anfang Februar erneut zu Gehör gebracht, bildet zudem den Prolog zu einer Trilogie: 2004 eine Interpretation von „Die Verwandlung“, 2011 „Bitte betrachten Sie mich als einen Traum“ – ein Versuch, eine Tür zu Kafkas traumhaftem inneren Leben aufzustoßen. Nach einer weiteren Spurensuche Spurensuche im Stadtteil Josefov, wo sich das jüdische Viertel befand, dem „Prager Ghetto“ in der tschechischen Altstadt, das Kafka kaum je verlassen hat, folgt 2017 Teil III der Kafka-Trilogie: „… (und ich neige sogar zu dieser Übertreibung)“. Im Mittelpunkt steht der „Brief an den Vater“.

Einzelne Seiten dieses im Original rund 100 Seiten umfassenden ‚literarischen‘ Selbstporträts finden die Theaterbesucher – auf groben Stoff gedruckt – auf dem Bühnenboden. Seitlich des Raumes, sich in zwei Reihen gegenübersitzend, nehmen sie das „Spiel“ von Torsten Schütte und Uwe Schade in ihre Mitte. In einer Mischung aus szenischer Lesung, Dialog zwischen Cello (Uwe Schade) und Rezitator (Torsten Schütte) sowie einzelnen akustischer Satzinterpretationen nähern sie sich diesem Autor, der immer wieder von der absurden Unmöglichkeit des Entkommens schreibt, sich fast gewaltsam hinein dreht in seine Gedanken und doch genau in dieser inneren Emigration an seinem Schreibtisch in der engen Familienwohnung seinen Freiraum findet.

Auch Schade und Schütte erspielen sich einen Raum – flankiert von den Zuschauern zu beiden Seiten und beobachtet von Elisabeth Bohde, die an der Stirnseite der Bühne erhöht an einem Tisch sitzend die Rolle der In-Frage-Stellenden übernimmt: Ist der Brief, der nie abgeschickt wurde, überhaupt ein Brief oder ist er Literatur? Erklärt Kafkas Verhältnis zu seinem Vater überhaupt irgendetwas? Schließlich hatten Viele einen solchen Vater. Bohde stellt ihre persönliche Sicht auf Kafka und seine Texte in den Raum, widerspricht dem in seine Gedanken eingezwängten Mann, der sich im Brief scheinbar einem Dialog öffnet, den er jedoch am Ende nur mit sich selbst führt. Sogar die Antwort des Vaters formuliert er gleich mit.

Immer wieder ändern die beiden Schauspieler ihre Positionen im Raum. Getrieben, unruhig, suchend stellt Schade seinen Hocker mal hier, mal dort ab, kauert am Boden, als werde er von einer unsichtbaren Macht niedergehalten, stemmt sich gegen die Wand, dreht sich immerfort langsam im Kreis.

Nie endet diese bedrückende Enge, der auch die Theaterbesucher – durch die Anordnung des Spielraums auf die Bühne gezwungen – nicht entkommen können. Allein Bohdes Reflexionen bieten etwas gedankliche Distanz – und weitere Ansätze, sich diesem Autor anzunähern.

„Ich nehme sie mit zu Kafka. Wir werden nicht ankommen. Wir werden ihn nicht enträtseln.“ Dieses anfangs gemachte Versprechen hält das Ensemble: Man ist ihm begegnet, hat unterschiedliche Annäherungsversuche aus nächster Nähe betrachtet und wird sie doch nicht los, diese bedrückenden „Spuren seiner Texte in den Hinterräumen des Hirns“, die von einer verrückten Welt erzählen, in der absurde Dinge geschehen – zu Kafkas Lebzeiten ebenso wie heute.

Wer noch tiefer eintauchen möchte in diese Welt, bekommt im März und April Gelegenheit dazu: Die gesamte Kafka-Trilogie steht in diesem Jahr auf dem Spielplan. „Die Verwandlung“ als Kammerspiel ist ab 30. März zu sehen, Kafkas literarisches Sanatorium unter dem Titel „Bitte betrachten Sie mich als einen Traum“ beginnt am 27. April.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen