zur Navigation springen
Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2017 | 03:19 Uhr

"Wir sind keine Briefkastenfirma"

vom

Geschäftsführung der Flensburger Transport- und Speditionsfirma EHJ setzt sich gegen Vorwürfe der Kraftfahrerclubs Deutschland zur Wehr

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Flensburg | Peter Jessen versteht die Welt nicht mehr. Sitzt an seinem Schreibtisch, weist mit ausladender Geste auf die vielen Geschäftsräume hin, die sich hinter den Mauern der Neustadt 10 verbergen. 800 Quadratmeter für Lager und Büros. Neun Mitarbeiter inklusive. Er selbst residiert hier mit seiner Firma EHJ Transport & Spedition GmbH, die 1962 gegründet wurde. "Alles real", sagt er, und umfasst, als wolle er den Beweis dafür erbringen, eine völlig reale Stuhllehne. Das gesamte Haus - Firmenbesitz.

Was den 56-Jährigen ein wenig aus der Fassung bringt, ist eine Mini-Demonstration deutscher Lkw-Fahrer vor gut einer Woche direkt an seinem Firmensitz. Ein knappes Dutzend protestierte dort gegen die Duldung angeblicher Briefkastenfirmen in Flensburg und Handewitt, EHJ inbegriffen. Die Aktion war von den Kraftfahrerclubs Deutschland (KCD) initiiert worden.

Der Vorwurf: In der Neustadt 10 sollen 20 dänische Speditionen ihren Sitz angemeldet haben, ohne jemals diesseits der Grenze operativ tätig gewesen zu sein. Die Anrufe in Flensburg würden in die Büros der dänischen Niederlassungen umgeleitet. Es handele sich also um Scheinadressen und damit verbundenes Lohndumping in der Transportbranche. "Denn ein dänischer Berufskraftfahrer verdient im Schnitt 1000 Euro mehr als sein deutscher Kollege", sagt Karsten Weber, einer der Aktivisten, der die Kommunen bezichtigt, nur auf ein höheres Gewerbesteueraufkommen zu schielen und ihre Aufsichtspflicht zu vernachlässigen. Die Stadt hat eine diesbezügliche Prüfung noch nicht abgeschlossen.

"Hätte einer der Demonstranten sich vorher um ein Gespräch mit mir bemüht", echauffiert sich Jessen, "wäre er eines Besseren belehrt worden." Seine Firma, erläutert er, vertrete seit jeher die Interessen dänischer Unternehmen auf deutscher Seite; seit den 70er Jahren liege der Fokus verstärkt auf Transportunternehmen. Neben der Verwaltungstätigkeit für andere Firmen betreibe EHJ Versand, Lagerei und Handel, zum Beispiel mit einem Magenbitter. "Alles ganz offen und legal", sagt der Geschäftsführer. Von den mutmaßlichen 20 Scheinadressen, die auf einem Schild an der Eingangstür aufgelistet sind, seien lediglich acht aktive Transportunternehmen. "Für diese übernehmen wir die Buchhaltung, bearbeiten Rechnungen, zahlen die Löhne, kümmern uns um die Steueranmeldung, Versicherung und Schadensabwicklung. Alle Unterlagen liegen hier im Haus. Das hat mit einer Briefkastenfirma nichts zu tun."

Wie aber steht er zu dem Vorwurf, die Unternehmen würden sich hier nur niederlassen, um ihren Fahrern niedrigere Löhne zahlen zu können? Tatsächlich, bestätigt er, verdienen Fahrer auf dänischer Seite deutlich mehr - wie in anderen Branchen auch. Doch die hier an den Pranger gestellten Firmen würden bis zu 2500 Euro brutto zahlen. Das sei bundesweit oberstes Niveau. "Der Vorwurf Niedriglohn ist völlig verfehlt."

Im Übrigen hält er angesichts des brutalen Wettbewerbdrucks das Vorgehen für völlig legitim. Durch die schnelle Öffnung der Märkte gen Osten sei eine fatale Situation entstanden. "Litauische oder rumänische Fahrer", sagt Jessen "verdienen 500 Euro und weniger im Monat." Es werde immer härter, am Markt zu bestehen.

Peter Jessen will nicht bestreiten, dass es reine Briefkastenfirmen südlich der Grenze gibt. Und er kennt das Problem mit der sofortigen Anrufweiterleitung ins Nachbarland. "Das ist ein riesiger Ärger - aber hat mit uns nichts zu tun. Alles Betriebe hier sind telefonisch ständig erreichbar."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen