Wilder und wohlerzogener Kultstar

Draußen echte Blitzlichter, drinnen künstliche – die Veranstalter hatten den richtigen Riecher, als sie die Kult-Party von Husum nach drinnen in die Flens-Arena holten.
Foto:
1 von 2
Draußen echte Blitzlichter, drinnen künstliche – die Veranstalter hatten den richtigen Riecher, als sie die Kult-Party von Husum nach drinnen in die Flens-Arena holten.

Billy Idol präsentierte in der Flens-Arena vor 3000 Zuschauern Lieder von seinen neueren Alben und Hits aus den 1980er-Jahren

shz.de von
21. Juli 2015, 10:06 Uhr

Die 1980er-Jahre sind immer noch absolut musiktauglich, wie die Kult-Party am Wochenende in der Flens-Arena bewiesen hat. Nach The Hooters, die ihre großen Hits „500 Miles“, „All you Zombies“, „Johnny B.“ frisch wie eben komponiert rüberbrachten, kam Megastar Billy Idol am Sonntag um 21 Uhr auf die Bühne.

Um die wichtigste Frage vorwegzunehmen: Ja, er ist auch mit fast 60 noch ein überzeugender Punkrocker. Doch muskulöser Oberkörper, schwarze Lederkluft und wasserstoffblonde Bürste können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter der Fassade eine gebändigte Wildheit steckt. Idol gibt sich an diesem Abend auch dankbar und wohlerzogen.

„Flensburg“, ruft er anfangs und lacht schmutzig – so als könne er nur mit Sarkasmus verarbeiten, in welche Randlage er sich da gebracht hat. Er spielt Stücke der neueren Alben. „Devil’s Playground“ erschien 2005. Das jüngste Album „Kings & Queens of the Underground“ brachte im vergangenen Jahr zusammen mit seiner Autobiografie wieder mehr Aufmerksamkeit für den Briten, der Anfang der 1980er auch in den USA ein Star geworden war. In den 1990er-Jahren kam er durch Drogenexzesse und einen Motorradunfall beinahe ums Leben.


Nicht zum Mitgrölen


Das Problem mit den Stücken der neueren Alben ist jedoch: Ihnen fehlt das Hymnische, die Wiedererkennungs- und Mitgröl-Melodie. Rund 3000 bestens gestimmte Fans scheinen da auch nicht sehr textsicher und wippen verhalten zu den zwar rockigen, aber auch breiig klingenden Beats. Ganz anders bei den alten Hits: „Flesh for Fantasy“ singen alle lauthals mit, wobei bei „Flesh“ die ganze Halle in rotes – passend zum Text „Fleisch“-farbenes – Licht getaucht wird. Auch „White Wedding“, „Eyes without a Face“ und „Mony Mony“ funktionieren.

Als zweiter Frontman etabliert sich Gitarrist Steve Stevens, der die Gitarre auch mal hinter dem Kopf spielt und viele Solopassagen bestreitet. Bravourös wie er einen Flamenco in Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ übergehen lässt. Derweil kann Idol sich getrost ausruhen.


Romantische Erinnerungen


Um dann irgendetwas zu erzählen – zu verstehen sind wegen der dafür nicht gemachten Akustik nur einzelne Worte wie „Rocking Chair“, ein Wort, das in Idols größtem Schmusesong „Sweet Sixteen“ vorkommt. Tatsächlich wird es im Anschluss gespielt. Paare umschlingen sich, schwelgen in Erinnerung. Die meisten Besucher sind jenseits der 40. Aber Idol lässt nicht viel Nostalgie aufkommen. Er intoniert den Song anders als früher. Ein wenig greller. Gut so. Zu „Rebel Yell“ gibt er alles, rockt mit nacktem Oberkörper über die Bühne – und verschwindet bereits nach eineinhalb Stunden. Als er wieder rauskommt, bedankt er sich artig auf Rockerart: „Thank you Flensburg, thank you Germany for making my life so fucking great.“ Ja, er ist dankbar für sein erfülltes Leben und es ist nett, dass er das Publikum in diesen Gedanken einbezieht. Billy Idol und die Generation, die in den 1980er-Jahren ihre Jugend hatte, sind irgendwie eins.



zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen