Langzeit-Parken in Flensburg : Wilde Camper nerven Anwohner

Jedes Jahr das gleiche Bild: Wohnwagen gegenüber der Gemeinschaftsschule West. Laut Gesetz dürfen die Insassen maximal eine Nacht im Fahrzeug verbringen.
Jedes Jahr das gleiche Bild: Wohnwagen gegenüber der Gemeinschaftsschule West. Laut Gesetz dürfen die Insassen maximal eine Nacht im Fahrzeug verbringen.

An der Friesischen Lücke kommt es alljährlich zu Konflikten zwischen Flensburgern sowie Sinti und Roma, die dort lange parken.

shz.de von
22. Mai 2015, 08:00 Uhr

Flensburg | Sie campieren seit Tagen auf dem Parkplatz an der Gemeinschaftsschule West. Sinti und Roma haben sich dort mit ihren Familien in Wohnwagen niedergelassen.

Die Beschwerden ließen nicht lange auf sich warten. Clara und Christian M. beklagten gegenüber der Stadt, dass die Wohnwagen in ihrer Nachbarschaft gut sicht- und hörbar parken – seit über einer Woche. Ihre Beschwerde richte sich nicht direkt gegen Sinti und Roma, sagt Christian M. „Aber sie haben keine Sonderrechte. Wir würden uns auch beschweren, wenn andere da stehen.“ Ihm ist jedoch daran gelegen, dass sich Menschen, die an einem Ort zu Gast seien, auch an Regeln halten. Das gelte umgekehrt auch für ihn selbst, sagt der 38-Jährige.

Die Wohnwagen stehen auf dem öffentlichen Parkplatz bei der Gemeinschaftsschule West, parallel zur Exe. Die Autos dazu tragen überwiegend französische, auch schwedische Kennzeichen. „Das Stromaggregat läuft die ganze Nacht durch“, sagt Christian M. Das Brummen sei bis ins Haus zu spüren und verhindere den Schlaf. Der Müll der Bewohner „landet auch schon mal im Gebüsch“. Momentan hätten die Fremden das Problem insofern im Griff, als dass sie Mülltüten aufstellten, berichtet das Paar. Am Tag der Leerung der Tonnen sei es aber auch schon vorgekommen, sagt Christian M., dass er nachmittags den Container zurückrollen wollte und eine mit neuem Müll gefüllte Tonne vorfand. Seine Frau hat beobachtet, dass in Ermangelung an Toiletten Erwachsene und Kinder „das große Geschäft“ auf dem Parkplatz erledigten.

Vor zehn Jahren haben Clara und Christian M. ihr Haus „für nicht gerade wenig Geld“ gekauft, erzählen sie. Zwei, drei Mal jedes Jahr stünden Wildcamper für mehrere Tage auf dem Parkplatz in Sicht- und Hörweite. In der ersten Zeit sei ihnen das vielleicht nicht aufgefallen, meint Clara M. Aber seit einigen Jahren stört sie, dass die Reisenden „hier ihren Müll lassen und Lärm machen“.

Einmal, so erinnert sich die 36-Jährige, die im Krankenhaus arbeitet, hätten zu später Stunde ungefähr zehn fremde Kinder in ihrem Garten hinterm Haus getobt. Nachdem ihr Mann den Kleinen begreiflich machen konnte, dass sie ihr Grundstück verlassen mögen, seien kurz darauf genauso viele Erwachsene gekommen und hätten sich aufgeregt. Ein anderes Mal sei Wasser abgezapft worden.

Anrufe bei Polizei, Ordnungsamt und TBZ hätten ins Leere geführt, bedauern die Beschwerdeführer. „Die Behörden reden einem ein schlechtes Gewissen ein“, kritisiert Christian M. Er habe recherchiert, ihm sei die Katastrophe vor 70 Jahren bewusst, er kenne die Kultur der Sinti und Roma und wisse, dass sie eine anerkannte Minderheit sind. Schleswig-Holstein ist das erste Bundesland, das den Schutz und die Förderung der deutschen Sinti und Roma 2012 in die Verfassung aufnahm.

Christian M. schlägt vor, dass die Camper auf einen Platz im Gewerbegebiet ausweichen, die Stadt vielleicht eine mobile Toilette aufbaut. Doch das große Problem sei „die Ignoranz der Behörden“. Man werde vertröstet, dass sich eine Lösung finde, gebe sich jedoch offenbar keine Mühe. Hermann Ossowski vom Technischen Betriebszentrum (TBZ) schließt eine solche Option nach derzeitigem Stand aus. Zumal die Kostenfrage für sanitäre Anlagen völlig ungeklärt sei. Apropos Kosten: Das illegale Campen, merkt Ossowski an, könne Strafen bis zu 2500 Euro nach sich ziehen.

Als Matthäus Weiß von der Beschwerde erfährt, fährt der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Sinti und Roma e. V. aus Kiel umgehend nach Flensburg, um sich das Problem anzuschauen und gegebenenfalls zu vermitteln. Doch er sieht hier kein Problem. „Es ist nichts passiert“, sagt er, niemand sei belästigt worden. Die Wohnwagen seien legal hier, die Stadt wisse Bescheid, die Polizei ebenfalls. „Es gibt immer Menschen, denen wir ein Dorn im Auge sind“, sagt Weiß, dessen Familiengeschichte in Schleswig-Holstein sich über 300 Jahre zurückverfolgen lässt. Zwischen 5000 und 6000 deutsche Sinti und Roma gebe es in Schleswig-Holstein. Er redet in der Minderheitensprache Romanes mit den Campern. „Die wollen keine Presse, sondern in Ruhe gelassen werden.“ Sie seien eine christliche Familie auf Krankenbesuch in Flensburg.

Die Aussage, dass die Stadt über das Campieren informiert sei und ihre Zustimmung gegeben habe, wird von den Behörden dementiert. Weder beim zuständigen Fachbereich noch beim Technischen Betriebszentrum sei man vorab informiert worden, heißt es. „Es gibt keine Abmachung, auch keine Duldung oder gar Erlaubnis“, lässt Hermann Ossowski wissen.

Und so ist die Stadt gestern zur Tat geschritten. Da es formelle Schwierigkeiten beim Durchsetzen einer Geldbuße wegen der Ordnungswidrigkeit geben dürfte, hat man es bei einer klaren Ansage belassen: Der Platz möge aufgeräumt bis heute verlassen werden. „Das hat in der Vergangenheit immer gewirkt“, sagt Ossowski zuversichtlich. Doch er gibt sich keinen Illusionen hin. „Nächstes Jahr kommen sie wieder“, prognostiziert der TBZ-Mann, „und wenn nicht die, dann eben andere.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen