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Küstenschutz in Flensburg : Wie nass darf’s denn sein?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Klimastadt Flensburg befasst sich mit Hochwasserszenarien - Küstenforscherin Insa Meinke zeigt denkbare Entwicklungen bis 2100 auf

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2017 | 18:51 Uhr

Die Klimastadt Flensburg beschäftigte sich am Dienstag mit den Auswirkungen des Klimawandels. Als Referentin hatte der Planungsausschuss Dr. Insa Meinke vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht eingeladen. Die Wissenschaftlerin leitet dort das Norddeutsche Klimabüro, das sich mit den regionalen Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt.

Meinke stimmte die Flensburger auf eine Periode zwischen Hoffen und Bangen ein. Erreicht die Welt das Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung um maximal 2 Grad Celsius oberhalb des vorindustriellen Zeitalters, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass die Schiffbrücke auch 2100 ganz überwiegend trocken bleibt. Klappt es nicht, wachsen die Risiken ziemlich steil an.

Der Betrag der Küstenforscherin drehte sich um zwei markante Referenzpunkte. Da war – aktuell – das Hochwasser vom 5. Januar, das mit 1,80 Metern über Normal das Hafengebiet, besonders aber die Schiffbrücke heimgesucht hatte.

 

Aber Meinke hatte noch Schlimmeres im Angebot: das große Ostseehochwasser vom 13. November 1872, das an der gesamten deutschen und dänischen Ostseeküste mindestens 270 Tote forderte, über 15.000 Menschen obdachlos machte und verheerende Schäden anrichtete. Ein reines Wetterereignis, betonte Meinke. Da habe der Klimawandel noch überhaupt keine Rolle gespielt. Wenn die Flensburger aber den 5. Januar schon schlimm fanden und den 13. November 1872 schrecklich, dann mögen sie sich eine Flut mit einem Pegel von 4,10 Meter vorstellen. Die reicht bis zum Südermarkt. Da grauste es manch einen in der Runde.

Insa Meinke war nicht angetreten, Panik zu schüren. Vier, fünf Meter hohe extreme Flutwellen beruhten auf der Annahme, dass die Weltgemeinschaft ihr Klimaziel gründlich verfehlt. Seit 1901 sei der Meeresspiegel – mit wachsender Geschwindigkeit – infolge der Aufheizung der Atmosphäre um 20 Zentimeter gestiegen, in der Ostsee etwas weniger. Bei vielen Modellen seien die Trends aber noch nicht eindeutig. Es gebe Zweifel am Erreichen des Klimaziels, sicher. „Aber wir sind noch nicht weit davon entfernt“, sagte Meinke.

Ihr Norddeutscher Klimamonitor ist gemeinsamer Nenner aus 123 Modellrechnungen für das Klima in Norddeutschland. Da liest sich nicht alles schlecht, aber alles, was es dort zu lesen gibt, hat mit dem vom Menschen verursachten Wandel zu tun: Der Monitor berücksichtigt verschiedene Erwärmungsszenarien und leitet daraus verschiedene Prognosen ab: Bis Ende des 21. Jahrhunderts könnte die durchschnittliche Temperatur maximal um 5,2 Grad gestiegen sein – oder eben nur um ein Prozent im günstigsten Fall.

Sommertage mit über 25 Grad gäbe es 65 – 19 mehr als jetzt oder einen weniger. Extreme Hitze mit über 30 Grad, bisher eine Seltenheit, könnte es an 40 Tagen geben, während Frost- und Eistage deutlich abnehmen, die ersten Blumen des Jahres 2099 blühen schon im Januar. Für Niederschläge sind die Prognosen unterschiedlich: Der Monitor geht aber davon aus, dass Zahl und Intensität der Regen-Ereignisse ansteigen werden. „Vieles ist noch unklar, aber die Oberflächenentwässerung sollte sich auf eine Zunahme um 50 Prozent einstellen“, so Insa Meinke.

Klare Ableitungen für die Politik waren daraus nicht zu erkennen, aber ein Trend, der die Planungspolitiker und Beamten beschäftigen muss. Planungs-Chef Peter Schroeders sieht den mutmaßlich größten Handlungsdruck im Küstenschutz, weniger in der Entwässerung, zog für sich aus dem Vortrag aber den Schluss, dass noch nicht ermittelt sei, dass signifikante Pegel zu erwarten sind. „Wenn es bei 1,80 Meter Schäden gegeben hat, fehlt ja jetzt schon die Anpassung an die aktuelle Situation“, konterte die Klimaforscherin. „Bis zwei Metern müsste die Sicherheit schon jetzt gewährleistet sein.“

Damit war eigentlich auch die Antwort auf die folgende Frage unterfüttert, die SSW-Ratsherr Glenn Dierking mit Blick auf die anstehenden zahlreichen Hafenprojekte Flensburgs umtrieb. „Ab wann müssen wir uns Gedanken machen“, wollte der wissen. Knappe Antwort: „Jetzt!“

http://www.norddeutscher-klimamonitor.de

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