Dunkler Tag der Stadtgeschichte : Wie in Flensburg der Weg in den Holocaust begann

Boykott-Aufruf der NSDAP in den Flensburger Nachrichten 1933.
Boykott-Aufruf der NSDAP in den Flensburger Nachrichten 1933.

Am 1. April 1933 hetzte das NS-Regime gegen jüdische Geschäftsleute.

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02. April 2013, 07:18 Uhr

FLENSBURG | "Ein schreckliches Datum in der deutschen Geschichte und auch in der Stadtgeschichte Flensburgs" nennt Schimon Monin den 1. April des Jahres 1933, in dem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten. Der damals Elfjährige kann sich noch heute daran erinnern, wie sich der deutschlandweit und zentral von der NSDAP inszenierte antijüdische Boykott vor 80 Jahren in Flensburg auswirkte.

Schimon Monins Schwester Sonja arbeitete im Kaufhaus Wohlwert (Kleinpreis), das zusammen mit weiteren jüdischen und vermeintlich jüdischen Betrieben auf der Boykottliste stand. Die Werkstatt des Schneidermeisters Benjamin Monin war von der Aktion nicht betroffen. "Ob die SA und SS uns vergessen hatten oder ob uns wohlgesonnene Leute dahinter standen, daß wir geschont wurden - ich weiß es nicht", erinnert sich Schimon Monin, der später ins damalige Palästina flüchtete.

Der Boykott wurde von Seiten der Initiatoren in der deutschen Öffentlichkeit als Reaktion auf angeblich von jüdischen Organisationen im Ausland verbreitete "Greuelhetze" gegen das neue Deutschland dargestellt. Die NS-Propaganda gab die Sprachregelung vor und bezeichnete das Vorgehen gegen jüdische Geschäfte und Ärzte als "Abwehrboykott". Die Flensburger NS-Zeitung titelte "Auge um Auge, Zahn um Zahn - Tag der Vergeltung!" Der Flensburger Generalanzeiger stellte fest: "Den jüdischen Firmen am Orte ist der Kampf angesagt!" Die Flensburger Nachrichten freuten sich, dass sich eine "Volksbewegung gegen die ausländische Hetze elementar zu Wort" melde.

Ein "Aktionsausschuß zur Durchführung der Boykottbewegung der NSDAP" hatte die Zügel in der Hand. Er veröffentlichte eine Liste der zu boykottierenden Firmen und warnte "alle nationalen Kreise Flensburgs, in den aufgeführten Geschäften zu kaufen bzw. mit diesen Geschäften in Verbindung zu treten". Und drohte: "Wer es trotzdem tut, ist geächtet und ein Lump und Verräter am deutschen Volk."

Dem Aktionsausschuss waren im Eifer zahlreiche Fehler unterlaufen; er hatte nicht nur jüdische Unternehmen wie Wohlwert (Holm 41), Rath (Holm 30-34), Nord-Radio (Holm 9), Katz (Holm 66), Central-Schuhhaus (Große Straße 32) Löwenthal (Norderstraße 27/29) und Fertig (Norderstraße 145) auf die Liste gesetzt, sondern auch solche, die sich nicht im jüdischen Besitz befanden, darunter das Hotel "Flensburger Hof" der Gebrüder Grabbe und verschiedene Versicherungen. Die NSDAP musste die Fehler anschließend öffentlich korrigieren.

An die Öffentlichkeit via Flensburger Nachrichten ging auch der Elektromeister Walther Basch, dessen Firma Nord-Radio Ziel der braunen Boykottiere war. Er räumte ein, dass seine Firma jüdisch sei, machte aber gleichzeitig für sich geltend, dass man ihn "nicht gerade zu den schlechtesten Deutschen zählen" dürfe. Er verwies auf seine Redlichkeit und Zuverlässigkeit als Handwerker sowie seine deutschnationale Gesinnung und seinen Einsatz als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Die NS-Zeitung reagierte: "Wenn der Staat um einen Bestand kämpft, dann kann er nicht objektiv, dann kann er nicht human sein." Basch resignierte bald, gab sein Geschäft in Flensburg auf und emigrierte über Belgien in die USA.

Vor seinem Geschäft hatten sich am 1. April 1933 SA- und SS-Männer zusammengerottet, obwohl es von Basch vorsorglich gar nicht geöffnet worden war. Auf Boykott-Schildern waren Parolen wie "Wer beim Juden kauft, ist ein ,Lump und versündigt sich am deutschen Arbeiter" zu lesen. Die Schaufenster des Textilgeschäftes Katz wurden mit Hakenkreuzen und antijüdischen Parolen beschmiert. Zu tumultartigen Szenen kam es vor dem Kaufhaus Wohlwert. "Die politischen Gegner (Anhänger der Arbeiterbewegung, Anm. d. Red.) suchten dadurch zu provozieren, dass sie sich in die Geschäftsräume von Wohlwert hineindrängten", berichteten die Flensburger Nachrichten. "Um die Sicherheit nicht zu gefährden, mußte das Gitter vor dem Eingang vorgezogen werden." Kunden, die ihre Solidarität mit dem Kaufmann zum Ausdruck bringen wollten, benutzten den Hintereingang. Wohlwert-Chef Alfred Leopold fand 1937 Aufnahme in Schweden.

Die NS-Protagnisten erfuhren mit ihrer Boykottaktion nur begrenzte Zustimmung in der Bevölkerung. Die Parteistrategen mussten erkennen: Die Zeit für ein derart provokatorisch-aggressives Vorgehen gegen die Juden war noch nicht reif.

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