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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 13:14 Uhr

Missbrauch : Wie ein Opfer zum Täter wird

vom

Jugendbetreuer nach sexuellem Übergriff auf 13-Jährigen rechtskräftig verurteilt - die Familie fühlt sich seither in Harrislee isoliert.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 07:19 Uhr

Harrislee | Der 23. Oktober 2012 ist ein Tag, der für die Familie Gruber ganz normal beginnt. Doch schon am Nachmittag ist die Welt nicht mehr, wie sie einmal war.

An jenem Dienstag kommt der 13-jährige Max völlig verstört nach Haus. Mit seinem Ranzen auf dem Rücken. Er ist vom Konfirmandenunterricht der Dansk Kirke i Sydslesvig zurückgekehrt - nur eine halbe Stunde zu spät. Doch die Mutter merkt instinktiv, dass ihrem Sohn etwas widerfahren ist. "Er hatte Tränen in den Augen, lief hin und her, wusste nicht, wohin mit sich", erinnert sich Marie Gruber.

Sie denkt zunächst an einen Unfall. Max schweigt. Dann setzt er sich auf einen Stuhl in der Küche. "Plötzlich begann er bitterlich zu weinen", sagt seine Mutter. "Und dann brach es aus ihm heraus."

Ein halbes Jahr später fällt das Amtsgericht Flensburg ein Urteil. Der 56-Jährige T. aus Harrislee wird wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern (§ 176 StGB) eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auferlegt, Bewährungszeit drei Jahre. "Zur Wiedergutmachung des Schadens", wie es formaljuristisch heißt, muss der Angeklagte ein Schmerzensgeld in Höhe von 600 Euro zahlen. Empfänger: Max Gruber, inzwischen 14 Jahre alt.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Junge bereits die Beratungsstellen Wagemut und Villa Paletti aufgesucht und ist kinderpsychologisch betreut worden. Hat schlaflose Nächte verbracht, sich in seinem verdunkelten Zimmer verbarrikadiert. "Damit ihn keiner sieht", erzählt die Mutter. Max will nur noch in Ruhe gelassen werden.

"Die Reaktionen der Kinder auf sexuellen Missbrauch sind sehr individuell", erläutert Marlena Beckmann, Diplom-Pädagogin bei Wagemut. "Scham, Schuldgefühle, Sprachlosigkeit und die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, führen dazu, dass die betroffenen Kinder schweigen."

Man schätzt, dass in Deutschland von zehn Jungen ein bis zwei sexuell missbraucht werden. Jungen finden seltener als Mädchen den Mut, über ihre erlebte sexuelle Gewalt zu sprechen. "Es gibt immer noch ein Klischee-besetztes Bild von Jungen", so Marlena Beckmann, "sie müssen stark und cool sein."

Das Gericht hat auf eine mündliche Verhandlung verzichtet. So wird dem Jungen eine Aussage erspart. Der von dem Beschuldigten akzeptierte Strafbefehl basiert auf der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Die dort formulierten Vorwürfe lassen an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig, sie wiegen schwer. Es ist zudem explizit von der Gegenwehr des Zeugen die Rede. Und davon, dass dem Angeklagten bewusst war, dass der Zeuge noch keine 14 Jahre alt war - ein Kind.

"Ein Strafbefehl ist nur dann möglich, wenn der Beklagte zumindest teilgeständig ist", erläutert Sabine Scholz, Anwältin der Familie. Aus dessen Zustimmung zu dem hier angewandten Verfahren lasse sich das Eingeständnis von Schuld ablesen. Das "milde Urteil" ist für die Juristin Resultat der Geständigkeit.

Nach der Tat erscheint Max zwei Wochen lang nicht zum Unterricht, danach fahren ihn die Eltern. Sie versuchen, mit ihm gemeinsam das Geschehen zu verarbeiten. Irgendwie. Das Kind bekommt einen neuen Ranzen, den alten empfindet es als "besudelt". Ein Vierteljahr braucht der 13-Jährige, um allein wieder mit dem Rad zur Schule zu fahren.

Max kennt den Jugendbetreuer von klein auf, hat zu ihm Vertrauen aufgebaut. T. ist über Jahrzehnte eine feste Größe bei der dänischen Minderheit in Harrislee. War Handballtrainer beim HKUF, engagierte sich in der Kirchenarbeit. Er galt als beliebt, als besonders kinderlieb. Begleitete Jugendfreizeiten. Weit über zehn Jahre war er beim Dansk Fritidshjem (Dänisches Freizeitheim) beschäftigt. Nach Informationen unserer Zeitung ist er seit Januar dort nicht mehr tätig. Über die Gründe schweigt sich Horst Schneider, Geschäftsführer die dänischen Jugendorganisationen in Südschleswig, Sydslesvigs danske Ungdomsforeninger (SdU), aus. "Wir geben über ehemalige Mitarbeiter keine Auskünfte", sagt er. Die Persönlichkeitsrechte müssten gewahrt bleiben.

Was aber ist mit den Persönlichkeitsrechten des Opfers? "Er wird zum Täter gemacht, als Lügner dargestellt", sagt Marie Gruber. Der Angeklagte habe seinem früheren Arbeitgeber mitgeteilt, das geschädigte Kind habe seine Beschuldigungen zurückgenommen, er selbst sei freigesprochen worden. Die Menschen im Ort und besonders die dänische Minderheit, der sie selbst angehört, "gehen davon aus, dass der Angeklagte unschuldig ist". Sie fühlt sich seitdem von vielen Bewohnern geschnitten.

So sieht sich Rechtsanwältin Scholz genötigt, die Gegenseite auf die wahren Gegebenheiten hinzuweisen, damit der Täter "zukünftig über seine Verurteilung in vollem Umfange informiert ist". Sie verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass T. auferlegt worden sei, eine begonnene Sexualtherapie fortzusetzen.

Eine andere Mutter aus Harrislee, die pädagogisch ausgebildet ist und als Jugendliche schon unter T. trainierte, macht der Familie Mut. "Sie muss endlich von der Last befreit werden, sie sei schuld an der Verurteilung."

Namen des Opfers und seiner Mutter verändert

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