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Soldat in Lübeck : Wie ein Flüchtling zum Flüchtlingshelfer wurde

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Balin Akbar Hamid hat in seinem Leben selbst schon viel erlebt. Er wünscht sich mehr Verständnis für Flüchtlinge.

Lübeck | Die Geschichte des Flüchtlingshelfers Balin Akbar Hamid begann mit der Flucht vor dem Hussein-Regime im Nord-Irak. Jetzt half der 26-jährige Soldat in Lübeck bei der Registrierung von Flüchtlingen. Er wurde zum Anlaufpunkt, zur kurzfristigen Vertrauensperson der Flüchtlinge. Dabei half ihm sein Sprachtalent. Neben deutsch spricht Hamid kurdisch, türkisch und arabisch, auch persisch versteht er. Sein Einsatz bei den „schnellen Unterstützungskräften“, wie die Bundeswehr die helfenden Hände nennt, ist zwar bereits beendet, weil er eine lang geplante Ausbildung begonnen hat. Doch der Einsatz wirkt nach.

Viele ehrenamtliche Helfer sind derzeit für Flüchtlinge im Einsatz - viele sogar so viel, dass sie sich mittlerweile überfordert fühlen. Denn es gibt viel zu tun: Mehr als 80.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr bereits nach Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gekommen.

Etwa 6000 Bundeswehrsoldaten sind bundesweit in Hilfsaktionen für Flüchtlinge eingebunden. Hamid sagt: „Ich wünsche mir mehr Verständnis für diese Menschen. Sie haben wirklich viel erlebt, man muss ihnen helfen.“ Doch auch seine eigene Biografie ist bewegend.

Neun Jahre ist Balin Akbar Hamid alt, als sein Vater, ein kurdischer Arzt, 1998 vor den Häschern Saddam Husseins aus seiner Heimat Kirkut im Nordirak flieht. Wochenlang ist er unterwegs. Er riskiert sein Leben, als er mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland übersetzt, anschließend geht es (zu großen Teilen zu Fuß) nach Deutschland.

In Lübeck – dort, wo sein Sohn nun den Flüchtlingen half – fand der Arzt eine erste Heimat in Deutschland, später zog er nach Flensburg. 1998 war das. Drei Jahre später sollten seine Frau, der kleine Balin Akbar und seine zwei Töchter nachkommen – legal.

Es ist wie in einem Agentenfilm. Eine Brücke führt von der irakischen auf die türkische Grenzseite. Auf der einen Seite (in der Türkei) steht der Vater, auf der anderen Seite die drei kleinen Kinder und ihre Mutter. „Ich erinnere mich genau“, sagt Hamid, „meine Schwestern haben meinen Vater gar nicht erkannt. Ich aber schon. Ich konnte ihn winken sehen.“ Gefühlt dauert es eine Ewigkeit, dann lassen die Sicherheitskräfte sie rüber zu ihren Vater.

Sechs Monate verbringt die Familie in der Türkei, sie müssen auf die Papiere aus Deutschland warten. Das Visum des Vaters gilt nur für zwei Monate. Er muss zurück nach Deutschland. Die Kinder müssen Speichelproben abgeben, um die leibliche Verwandtschaft mit dem Vater zu beweisen. Als die Papiere endlich ausgestellt sind, halten türkische Behörden die Dokumente (angeblich) für gefälscht und bringen die drei Kinder und ihre Mutter ins Gefängnis. Als Grund vermutet Hamid türkische Vorbehalte gegen kurdische Familien. Erst die Hilfsorganisation Unicef beendet die zweimonatige Leidenszeit. „Das Schlimmste ist, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht“, sagt Hamid. Ein Satz, den wahrscheinlich viele Flüchtlinge derzeit gut nachvollziehen können.

Hamids Geschichte hat einen positiven Weg genommen. Mit dem Flugzeug ging es nach Frankfurt – mit den letzten Mitteln, die die Familie zur Verfügung hatte. Für die Rückfahrt mit der Bahn vom Flughafen zurück nach Schleswig-Holstein muss der Vater, der mittlerweile in Flensburg lebt, sogar einen Kredit aufnehmen.

Zwei Jahre später schafft Balin Akbar Hamid den Hauptschulabschluss, danach mit guten Ergebnissen die Mittlere Reife. Seit drei Jahren ist er bei der Bundeswehr, zuletzt beim Bataillon Elektronische Kampfführung 911 in Stadum (Kreis Nordfriesland). Wenn er seine Ausbildung in etwa zwei Jahren in der Flensburger Einrichtung für Zivilberufliche Aus- und Weiterbildung (ZAW) beendet haben wird, hat er auch das Fachabitur in der Tasche. Der hohe Norden ist seine Heimat geworden. „Ich fühle mich hier zuhause, auch wenn meine Muttersprache woanders gesprochen wird.“

In Schleswig-Holstein sind derzeit wöchentlich 70 bis 100 Soldaten in der Flüchtlingshilfe aktiv. Auch wenn er selbst nicht mehr zu den „schnellen Unterstützungskräften“ gehört, spricht Hamid fast täglich mit den Soldaten vor Ort. Auch zu den Flüchtlingen in Lübeck hält er Kontakt. Er hat sie bereits privat besucht. Auch Transitflüchtlinge am Flensburger Bahnhof hat er unterstützt. „Meine Sorge ist zweiseitig“, sagt Hamid. „Was passiert, wenn man diesen Menschen nicht hilft? Aber genauso frage ich mich: Was passiert mit Deutschland, wenn so viele Menschen zu uns kommen?“ Es sind Fragen, die er sich vor seinem Einsatz noch nicht gestellt hat.

 

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erstellt am 09.Dez.2015 | 19:44 Uhr

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