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Flensburger Tageblatt

25. Juni 2017 | 04:07 Uhr

„Wie ein Donnerschlag!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sechs Verletzte nach Gas-Explosion am Peter-Christian-Hansen-Weg / Mehrfamilienhaus unbewohnbar / Zwei Opfer in Spezialklinik geflogen

Der Polizeiruf 110 ist längst gelaufen, als die Bewohner am Peter-Christian-Hansen-Weg auf dramatische Weise von der Realität eingeholt werden. Es ist Sonntagabend, 22.45 Uhr, als sich Dorothea Lange vor der Bettruhe noch einmal an ihren Computer setzt. Es ist still im Haus Nummer 3. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. „Wie ein Erdbeben“, sagt die Hausfrau, die in der Parterre-Wohnung lebt, sichtbar verstört. Eine gewaltige Explosion lässt das Gebäude erzittern, Wände und Decken vibrieren. Ein Teil der rückwärtigen Fassade wird durch die Wucht der Druckwelle nach außen gedrückt. „Mir fuhr ein Riesenschreck durch die Glieder!“

Dorothea Lange eilt in den Flur. Ihre Haustür ist aus den Angeln geflogen. Sie liegt im Korridor. Da stürzt ihr ein junger Mann entgegen. Der Oberkörper nackt. Brandwunden überall. Er rennt panisch die Treppe hinunter. „Komm raus, komm raus. Es brennt“, ruft er seiner Nachbarin zu. Eine Frau folgt ihm. „Was ist mit dem Baby?“ Sie meint ein zweijähriges Kind, das mit ihrer Mutter eine Etage höher wohnt. Die beiden sind nicht daheim. Zu ihrem großen Glück. Dorothea Lange schafft es gerade noch nach draußen. Doch den oben wohnenden Mietern ist der Weg durch dichten Rauch versperrt.

Gegenüber beobachtet Heinz-Uwe Hansen aus sicherer Entfernung das Geschehen. Glassplitter sind 30 Meter weit bis zu dem Haus Nummer 8 geflogen. Auch er sagt: „So einen Knall habe ich in meinem Leben noch nicht gehört.“ Er habe sofort an ein Unglück gedacht. Was sich bestätigt, als er einen Schwerverletzten barfuß durch die Scherben laufen sieht. Er hört die Schreie: „Alles raus, raus!“ Es wird nach einer Badewanne gerufen, um die Brandwunden zu kühlen. Autos vor dem Haus sind durch herumfliegende Trümmerteile beschädigt. „Ein Wunder“, sagt Hansen, „dass keine Passanten zu Schaden gekommen sind.“ Der Notarzt trifft ein, danach weitere Helfer und Rettungskräfte. Inzwischen schlagen Flammen aus den Fenstern. Bewohner rufen um Hilfe. Eine 58-jährige Mieterin verletzt sich beim Sprung aus der 1. Etage. 40 Feuerwehrleute sind im Einsatz, um den Brand zu löschen und die Menschen in Sicherheit zu bringen.

Le Phuong, der vor sechs Jahren aus Vietnam nach Flensburg gekommen ist und im 2. Obergeschoss wohnt, wird neben anderen Bewohnern über eine Drehleiter aus dem Gebäude geholt. Zuvor hat er die Wohnzimmertür geschlossen, um sich vor Qualm und Hitze zu schützen und auf seine Rettung zu warten. Er kann gerade noch das Nötigste in einer Plastiktasche zusammenpacken. Persönliche Dokumente hauptsächlich. „Man weiß ja gar nicht, an was man zuerst denken soll“, sagt er. Drei seiner Nachbarn im Alter von 43, 61 und 66 Jahren erleiden leichte Rauchvergiftungen.

Die Explosion ist weithin zu hören. Etwa 500 Meter entfernt habe sein Wohnhaus gebebt, erzählt ein Anwohner der Flurstraße. Er sieht nach dem Rechten und einen Mann mit schweren Verbrennungen. „Ein Notarzt, ich brauche Hilfe, ich sterbe!“, habe der gerufen. Auch eine Anwohnerin aus dem Marienhölzungsweg, deren Mann Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist, wird aufgeschreckt. Dieser läuft umgehend zum Unglücksort. „Das war wie ein Donnerschlag“, sagt seine Frau. Und fragt sich, wie mit wie viel Gas wohl hantiert worden sei, dass es zu einer derart verheerenden Wirkung kommen konnte. Eine starke Verpuffung durch unsachgemäßen Umgang mit Gas-Kartuschen gilt aktuell als Ursache für das Unglück. In welchem Umfang und warum damit hantiert wurde, wusste Polizeisprecher Christian Kartheus gestern Nachmittag noch nicht zu sagen.

Gesichert indes scheint die Erkenntnis zu sein, dass das Drama in einer Wohnung im ersten Geschoss seinen Anfang nahm, in der sich ein 21-jähriger Flensburger, seine Freundin (20) und sein 23-jähriger Bruder aufhielten. Die Räume seien erst vor kurzem renoviert worden, berichten Anwohner. Und sie sagen auch, dass das junge Paar unlängst mehrere Gas-Kartuschen gekauft habe. Zu welchem Zweck, muss die Kripo nun ermitteln.

Die beiden erheblich verletzten Männer wurden gestern Mittag mit einem Hubschrauber der Marine in das Schwerverbranntenzentrum des UKSH Lübeck gebracht. Sie sollen sich in einem kritischen Zustand befinden.

Zwölf Stunden nach den nächtlichen Ereignissen stehen Le Phuong, der die Nacht im Krankenhaus verbracht hat, mit anderen Leidensgenossen vor ihrem evakuierten und unbewohnbaren Domizil. Der FAB bietet seinen Mietern 100 Euro pro Nacht für eine externe Unterbringung. Der Vietnamese hat nur noch seine Kleidung am Leib – und Hausschuhe an den Füßen. In wenigen Tagen hat er ein Bewerbungsgespräch. Und fragt sich: „Welche Schuhe ziehe ich nur an?“

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erstellt am 30.Mai.2017 | 19:14 Uhr

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