Westindienspeicher: Zutaten der Karibik

Lukentüren und Giebelkran: Der Westindienspeicher ist der Prototyp des Flensburger Speichers - und der höchste unter seinesgleichen. Foto: Staudt
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Lukentüren und Giebelkran: Der Westindienspeicher ist der Prototyp des Flensburger Speichers - und der höchste unter seinesgleichen. Foto: Staudt

Der Westindienhandel markiert Flensburgs Blüte und prägt noch heute das Stadtbild. Die Serie über die Rum- & Zucker-Meile stellt die markantesten Zeugnisse aus jener Zeit ins Licht. Heute: der Westindienspeicher.

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06. August 2009, 06:13 Uhr

Flensburg | Nur wenige Schritte fernab der belebten Fußgängerzone begrüßt den Besucher die Stille. Stille zwischen Efeu berankten, sonnengelb getünchten Mauern, die sich sechs Stockwerke hoch zum Himmel strecken. Ganz oben unterm Dach des Hauses an der Speicherlinie 34a ragt die hölzerne Krangaube hervor: heute pittoreske Zierde eines bauhistorischen Erbes, einst Dreh- und Angelpunkt eines der Herzstücke des Flensburger Überseehandels.

Als Lager für wertvolle Kolonialwaren diente der Westindienspeicher, den Andreas Christiansen 1798 auf seinem Gelände zwischen der Großen Straße 24 und der heutigen Speicherlinie errichten ließ. Pure-Rum in schweren Eichenfässern, Rohzucker, Tabak und Kakao, Tee und Gewürze wurden mit Hilfe des Giebelkrans durch die großen Geschossluken unter ausladende Rundbögen gehievt. Und dort nach ihrer wochenlangen Reise von Übersee nach Flensburg unter den niedrigen, knarrenden Deckenbalken gelagert, bevor sie weiterverkauft oder -verarbeitet wurden.

Der Kaufmann und Reeder Andreas Christiansen hatte mit seinen Handelsfahrten zu den dänischen Karibikinseln St. Croix, St. Thomas und St. John die wirtschaftliche Blüte Flensburgs eingeleitet - und es als Inhaber der bedeutendsten Zuckerraffinerie zu märchenhaftem Reichtum gebracht. An ihn erinnert auch die am Mauerwerk angebrachte Tafel mit der Inschrift "Herr segne alle diese Werke / Verleihe dem Besitzer Stärke / Andreas Christian sen / Setzte dieses am 20 Maju / Ao. 1789". Sein Speicher ist heute Symbol für die Bedeutung des Westindienhandels, der Flensburgs Ruhm als Rum-Stadt begründete - und eins der beliebtesten Motive Flensburger Ansichtskarten.

Die beiden zur Speicherlinie gelegenen Giebelhäuser dienten als Wohn- und Geschäftsräume; außerdem soll sich auf dem weitläufigen Kaufmannshof eine Zuckersiederei befunden haben. Nach Jahrzehnten an der Spitze des Flensburger Westindienhandels ging es mit dem Handelshaus Christiansen in der Wirtschaftskrise der 1850er jedoch steil bergab; aus der Konkursmasse übernahm der Kolonialwarenhändler Johann Jacob Maack den Kaufmannshof samt Packhaus. Als letzter Nutzer schloss die Spirituosenfirma I.C. Schmidt in den 1970er Jahren die großen Lukentüren.

Sie dienen den heutigen Mietern des Westindienspeichers als kleine, französisch anmutende Balkone - so schmal, dass man höchstens einen Blumentopf darauf platzieren kann. Sechs Wohnungen und Büroräume im Erdgeschoss und 1. Stock beherbergt das Gebäude, das sich heute im Besitz des Flensburger Selbsthilfebauvereins (SBV) befindet. Bedingung für die neue Nutzung war die "durchgreifende Sanierung" in den Jahren 1979 bis 1981: Im Auftrag der Stadt ließ der Träger Neue Heimat Nord das marode Holzständerwerk größtenteils austauschen; neue Decken, Fußböden und Versorgungsleitungen sowie ein - extrem nüchtern anmutendes - Treppenhaus wurden eingebaut. Kostenpunkt: 2,228 Millionen DM. Als sich die Gewerbeeinheit in den folgenden Jahren jedoch nicht wie geplant vermieten ließ, nutzte die "Nordische Universität" sie ab 1985 für ihre Verwaltung.

1993 verkaufte die Stadt ihrer Tochter Wobau den historischen Speicher, der mit der Fusion in den Bestand des SBV überging. Für Mitarbeiter Mike Stahlberg ist es "etwas Besonderes", die historische Immobilie zu verwaltenn - schließlich handle es sich "um ein sehr schönes Haus mit individuellen Wohnungsschnitten".

Den "individuellen Charme" schätzt auch Michael Domeyer: "Hier ist alles krumm und schief, die Decken sind teilweise nur 1,80 Meter hoch", sagt der Schiffbau-Diplomingenieur. "Aber das hat schon seinen Reiz, und die Möbel passten, anders als befürchtet, auch alle rein." Vor gut einem Jahr ist Domeyer - gemeinsam mit Christa und Ingo Schlüter Geschäftsführer eines Ingenieurbüros für Schiffstechnik - eingezogen. Vor allem der maritime Bezug habe sie gereizt, sagt Domeyer, der von seinem Büro aus in den Innenhof blickt. Und dort im Sommer täglich mindestens eine Touristengruppe die getünchte Fassade entlang zur Gaube hinaufblicken sieht. "Ein altes Haus ist charaktervoller als ein Neubau", sagt Domeyer, der die Stille des lauschigen Hinterhofs zu schätzen weiß - nur wenige Meter entfernt vom Trubel der Großen Straße.

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