Flensburger Hofkultur : West-Berlin im Roten Hof

Berliner Quartett: Kerstin Kaernbach, Lüül in Rocker-Pose, Kruisko mit Hut und Basser Daniel Cordes hinterließen einen hervorragenden Eindruck.
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Berliner Quartett: Kerstin Kaernbach, Lüül in Rocker-Pose, Kruisko mit Hut und Basser Daniel Cordes hinterließen einen hervorragenden Eindruck.

Liedermacherei im Hier und Jetzt: Zuerst Kramer mit Country, Folk und Pop, dann Lüül und Band mit Textkunst bei der Hofkultur

shz.de von
06. August 2018, 07:02 Uhr

Mit dem sauber gescheitelten Haupthaar, der Krawatte und der Weste unter dem Jackett wirkt Lüül wie eine verwegene Kreuzung aus Brian Ferry und Otto Schily. Zum zweiten Mal in Folge ist der Rote Hof ausverkauft. Die Bühne ist dieselbe, die Tonanlage auch – doch die Musik könnte unterschiedlicher kaum sein. Am Freitag zunächst Frank Rühmann alias Kramer als „local hero“ der Hofkultur, tags drauf der Berliner Oldtimer Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül.

Bei Kramer und seinen Freunden hält sich das Publikum zunächst etwas zurück. Der gitarrenlastige Sound changiert elegant zwischen Pop und Country, ein schönes Beispiel dafür ist der Opener „All you need is a Dream“. Für den Country-Einschlag sorgt vor allem die markante Pedal Steel Guitar von Rüdiger Karahn.

Das Pendant dazu am folgenden Abend ist ein Instrument, das es wohl noch nie auf der Hofkultur gegeben hat. Einen leicht heulenden Sound zwischen Geige und singender Säge – beide spielt sie auch – erzeugt Kerstin Kaernbach mit ihrem Theremin, „dem einzigen Instrument der Welt, das man beim Spielen nicht berühren muss“, so Lüül. Durch die Bewegung ihrer Hände greift sie in ein elektromagnetisches Feld ein und verändert so die Tonhöhe. Irre!

Die vierköpfige Truppe aus Berlin ist der harte Kern der 17 Hippies, die vor vier Jahren in Flensburg gastierten. Mit dabei: Volker Rettmann alias Kruisko, aus Husum stammender Akkordeon-Könner. Der 65-Jährige Lüül – „Ich bin ja jetzt auf Rente“ – ist ein Liedermacher abseits vertrauter Schubladen mit einer ganz und gar eigener Stilistik. Sein trockener Humor und das lakonische Understatement in den unterhaltsamen Moderationen bringen ganz viel Berlin-Gefühl in den Hof. Die Songs entwickeln ihre Dynamik oft auf einem dauerhaften Grundton, den Bassist Daniel Cordes mit seinem perkussiv gespielten Kontrabass definiert. Lüül wechselt von der Gibson SG über die akustische Gitarre zur Ukulele. Die Texte sind originell, umgehen die üblichen Klischees, sie atmen gelegentlich Lebensweisheit und Selbstironie. Und Einfachheit, wenn ein Refrain einfach nur „Egal, egal, egal“ heißt.

Der Flensburger Kramer singt mal Englisch, mal Deutsch, auch schon mal beide Sprachen in einem Song, von „Blue misty mountains“ bis „Komm wir fahren aufs Land“. Im zweiten Set legt die Band, in der Benito Battiston Gitarre, Ralph Schmedeke Percussion und Achim Gafert Bass spielt, eine Schippe drauf; jetzt wird es rockiger und rhythmischer, so dass die Hofkultur-Crew in der Tor-Durchfahrt tanzt.

Bei Lüül wird nicht getanzt, sondern zugehört, gegrinst und sich erinnert. An das Berlin vor dem Mauerfall zum Beispiel. Lüüls Song „West-Berlin“ ist eine lange Elegie voller Poesie an das Berlin der 60er, 70er und 80er, eine assoziative Reihung im Stile Billy Joels „We didn’t start the Fire“. „Unser Meer war der Wannsee, unsere Insel West-Berlin“ heißt es da – sehr gelungen.

Die Zugaben haben den Umfang eines dritten Sets, und am Ende sind alle total hin und weg.

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