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Pilkentafel : Wertvolles Theater-Experiment am Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

"Flensburger Humankapital" in der alten Bahnpost feierte gestern abend seine Premiere

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2014 | 08:27 Uhr

Das Theater beginnt schon beim Einlass. Überaus freundlich, ja fast ein wenig anbiedernd wird der Besucher am Schalter von der „Gesellschaft für Humankapital“ begrüßt. Das bedeutet zwar zunächst einmal Schlange stehen, aber man kommt ins Gespräch, man nimmt den Raum wahr, man überlegt, was da wohl auf einen zukommt die nächsten zwei Stunden.

Und das ist eine Menge. Vor allem ist es jedoch etwas ganz und gar Neues. Wer behauptet, dass es so ein Theater-Kunst-Performance-Projekt in Flensburg noch nie gegeben hat, übertreibt nicht. Obwohl es ein Projekt der Theaterwerkstatt Pilkentafel ist, greift der Begriff Theater eigentlich zu kurz, und eine Bühne gibt es schon mal gar nicht.

Eine Idee ist da und ein Raum. Die Idee: „Was ist ein Mensch wert? Kann man seinen Wert messen, beziffern?“ Der Raum: die alte Bahnpost neben dem Bahnhof, ein Haus aus den 20ern mit ganz vielen Büros und wenigen größeren Räumen. In fast allen Räumen findet irgendetwas statt: Szenen, Videos, Tanz, Spiel, Performance, gespielte VHS-Kurse über „Besseres Leben“.

Der Clou beim „Flensburger Humankapital“: Der Zuschauer macht mit, ob er will oder nicht. Denn er muss entscheiden, was er sich anschaut. Wie er seine Zeit nutzt. Denn so viel ist klar: Man muss eine Wahl treffen, alles zu sehen, ist unmöglich. „Das wären viereinhalb Stunden“, sagt Claudia Meyer, die das Stück mit der Pilkentafel konzipiert hat.

Alles was man sieht, hat mit dem Thema zu tun. Hanna Kalkutschke macht ganz konkret eine „Herz(er)fassung“. Die Besucher nehmen ein Herz in die Hand. Eine Frau läuft über den Flur und ruft voller Panik: „Ich habe meine Würde verloren! Hat sie jemand gefunden?“ Dörte Ahrens führt eine kleine Gruppe in „Dörtes Innerstes“. Theater ganz nah und krass erlebt man in der „Abteilung zur Kategorisierung und Optimierung des Humankapitals“. Gruselig! Aber gut.

Mitarbeiter aus dem Holländerhof sind dabei. Obdachlose. Pastoren, die Besucher einzeln segnen. Duborg-Schüler, die „Werte werten“. Ein Lehrer mit seinen Kindern. Es gibt auch Hunde, die spielen aber nicht mit, sind nur da. Wer die Nase voll hat, geht ins Foyer und holt sich ein Glas Wein.

„Humankapital“ ist vor allem Kommunikation, für manchen Teilnehmer hat es womöglich therapeutische Bedeutung. Ein Experiment, auf das man sich einlassen kann.

 

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