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NS-Euthanasie-Verbrecher in Flensburg : Werner Heyde: Der Arzt ohne Gewissen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1959: Euthanasie-Arzt Werner Heyde wird enttarnt. In Flensburg praktizierte er nach dem Krieg lange unter dem Namen Dr. med. Fritz Sawade.

shz.de von
erstellt am 01.Sep.2015 | 18:32 Uhr

Mit dem Stück „Westliche Höhe“ konfrontierte das experimentierfreudige Theaterteam der „Pilkentafel“ die Öffentlichkeit mit einem dunklen Kapitel Stadtgeschichte: In diesem Stadtviertel hatten sich nach 1945 zahlreiche ehemalige Nazi-Größen wohlig eingerichtet – darunter auch ein gewisser Mediziner namens Dr. Fritz Sawade, der im Walter-Flex-Weg ein Reihenhaus besaß. Hinter dieser kleinbürgerlichen Fassade und dem Alias-Namen verbarg sich der wegen Massenmords mit Haftbefehl gesuchte Euthanasiearzt Professor Dr. Werner Heyde, der sich nach Kriegsende nach Flensburg abgesetzt und hier – mit gefälschten Papieren – eine neue bürgerliche und berufliche Existenz aufgebaut hatte. Das Unglaubliche an dem Heyde/Sawade-Skandal: Der Mediziner, der in der Zeit des Nationalsozialismus als Euthanasie-Obergutachter über Tod und Leben entschieden hatte, erstattete bis zu seiner Enttarnung 1959 erneut psychiatrische Gutachten für Ämter und Gerichte. Mitwisser bildeten ein „Kartell des Schweigens“.

Ein Foto der Fahndungsliste.
Ein Foto der Fahndungsliste. Foto: Archiv bhp
 

Werner Heyde, geboren im brandenburgischen Forst als Sohn eines Tuchfabrikanten, studierte Medizin, promovierte in Würzburg und bestand dort das medizinische Staatsexamen mit Bestnote. Mit 37 Jahren stieg er zum Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Würzburg auf. Beim Aufbau seiner beruflichen Blitz-Karriere konnte sich Heyde, ein Vertrauter Heinrich Himmlers, auf Hilfe der NSDAP stützen, in deren Dienst er sich schon 1933 gestellt hatte. 1936 trat er der SS bei und wurde Leiter der – so die offizielle Bezeichnung – „psychiatrischen Abteilung beim Führer der SS-Totenkopfverbände/Konzentrationslager“. Er war als Obergutachter und beratender Facharzt für die SS tätig und erstellte Expertisen für das Geheime Staatspolizeiamt.

„Vernichtung unwerten Lebens“

Als medizinischer Leiter der Organisation T4 in Berlin übte er ein wahrlich mörderisches Amt aus. Diese Tarnbezeichnung für die von den Nazis aktiv betriebene Erwachsenen-Euthanasie leitet sich ab von dem Haus Nr. 4 in der Tiergartenstraße, wo sich das Verwaltungszentrum des gesamten Euthanasieprogramms befand. Unter der Leitung von Heyde wurde die Mordaktion zur „Vernichtung unwerten Lebens“ organisiert. „In dieser Funktion entschied er unwiderruflich über Leben und Tod der Behinderten und Kranken“, schreibt der Jurist und Historiker Klaus-Detlev Godau-Schüttke aus Itzehoe in einem Buch, in dem er schwerpunktmäßig die Nachkriegsaffäre Heyde-Sawade faktenreich ausleuchtet. Im Rahmen der von Heyde verantworteten T-4-Aktion wurden mehr als 80.000 erwachsene Patienten ermordet.

Während seiner Tätigkeit bei der Organisation T4 und darüber hinaus bis zum Kriegsende behielt Heyde seinen Lehrstuhl an der Universität Würzburg, an der er zum Ordinarius für Psychiatrie und Nervenheilkunde ernannt worden war. Zusätzlich leitete er ein SS-Lazarett, das nach einem Bombenangriff im März 1945 nach Dänemark verlegt wurde. In Gravenstein wurde es unter der Leitung von Werner Heyde neu eingerichtet.

Wie viele andere ranghohe Nazis in der Nachkriegszeit, versuchte auch Heyde in Flensburg einen Neuanfang. Und auch er verschaffte sich eine neue Identität, nachdem ihm nach seiner ersten Verhaftung die Flucht gelungen und er daraufhin im Fahndungsbuch zur erneuten Festnahme ausgeschrieben war. In Kiel besorgte er sich neue Personalpapiere und trug fortan den Namen Dr. med. Fritz Sawade.

Als er erfuhr, dass an der Landessportschule in Flensburg-Mürwik die Stelle eines Sportarztes vakant sei, bewarb er sich mit Erfolg. Bei den Bewerbungsgesprächen in Flensburg wurde er nicht um die Vorlage einer Approbation gebeten – auch noch nicht, als er zusätzlich als vielbeschäftigter öffentlicher Gutachter tätig wurde. Nicht weniger als 7000 Gutachten für das Landessozialgericht, die Landesversicherungsanstalt und das Landesentschädigungsanstalt erarbeitete er und kassierte dafür stattliche Summen, die ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichten. Er erwarb und bezog im Walter-Flex-Weg ein Reihenhaus und bewegte sich selbstbewusst in örtlichen Mediziner- und Juristenkreisen. Es wurden gemeinsam rauschende Feste gefeiert.

Bald aber machten in speziellen Kreisen in Flensburg erste Gerüchte die Runde, bei dem netten Arzt von nebenan handele es sich möglicherweise um den steckbrieflich gesuchten NS-Euthanasie-Verbrecher Werner Heyde. Dieser offenbarte sich einigen aus seiner Sicht vertrauenswürdigen Persönlichkeiten – sie behielten ihr Wissen zunächst für sich. Doch lange ließ sich diese heiße Personalie Heyde-Sawade nicht „deckeln“. Der Kreis der Mitwisser wurde größer und größer und erreichte binnen kurzem auch die Landeshauptstadt.

Verhaftung in Frankfurt

Als sich in den ersten Novembertagen des Jahres 1959 die Anzeichen einer bevorstehenden Enttarnung und Verhaftung verdichteten, setzte sich Heyde-Sawade ab: Mit seiner neu erworbenen Borgward-Limousine fuhr er nach Würzburg, um sich mit seinem Rechtsanwalt zu besprechen. Die schleswig-holsteinischen Ermittlungsbehörden sahen darin eine Flucht und veranlassten eine öffentliche Großfahndung. Erst dadurch erfuhr die breite Öffentlichkeit von dem spektakulären Fall. Wenige Tage später, am 12. November 1959, stellte sich Heyde-Sawade der Staatsanwaltschaft in Frankfurt/Main. Er wurde sofort in Untersuchungshaft genommen.

Spiegel-Titel nach dem Selbstmord 1964.
Spiegel-Titel nach dem Selbstmord 1964. Foto: spiegel

833 Seiten umfasste die Anklage, die die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main 1962 bei der Strafkammer des Landgerichts Limburg an der Lahn einreichte. 274 Zeugen wurden benannt. Neben Heyde waren zwei weitere Euthanasie-Täter angeklagt, „heimtückisch, grausam und mit Überlegung mindestens 100.000 Menschen getötet zu haben“. Knapp eine Woche vor Beginn der Hauptverhandlung nahm sich Heyde-Sawade am 13. Februar 1964 das Leben. Als Hauptmotive nannte er in einem Abschiedsbrief „Selbstachtung und Protest“. In der Traueranzeige der Familie hieß es, dass „Herr Prof. Dr. Werner Heyde nach einem bewegten Leben im 62. Lebensjahr und nach langer, qualvoller Unfreiheit vor seinen himmlischen Richter getreten“ sei. Der weltlichen Gerichtsbarkeit hatte er sich entzogen.

Auch von seinen Helfern und Beschützern wurde keiner strafrechtlich belangt. Für die vom Kieler Landtag eingesetzten Untersuchungsausschüsse, die die Hintergründe dieses Skandals aufklären sollten, blieb vieles im Dunkeln, da – so Klaus-Detlev Godau-Schüttke – „nur wenige Zeugen ihr ganzes Wissen preisgaben“. Die Liste der vom ersten Ausschuss namhaft gemachten Personen, die vor der Enttarnung Heyde-Sawades 1959 von dessen wahren Identität gewusst hatten, liest sich wie ein Auszug aus dem Who's Who des schleswig-holsteinischen Establishments aus Justiz, Medizin und Ministerialbürokratie.

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