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Väternetzwerk : Wenn Frauen ihre Männer prügeln

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tabuisiert und belächelt: Häusliche Gewalt gegen Männer gibt es auch – in Flensburg könnte es bald eine Männerwohnung geben.

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2014 | 11:00 Uhr

Erst waren es Schläge ins Gesicht, dann heiße, über die Oberschenkel gegossene Suppe. Am Ende landete er im Krankenhaus – so beschreibt Ingo Bresinski vom Flensburger Väternetzwerk die Geschichte eines Mannes, der Opfer seiner eigenen Frau wurde. Das Thema häusliche Gewalt gegen Männer ist wenig untersucht – und noch immer ein Tabu.

Eine Freundin des Mannes habe sich zuerst an Bresinski gewandt: „Für ihn war es nicht möglich, sich selbst zu melden“. Erst nach einer Weile sei der Mann in die Beratung gekommen. So gehe es vielen Männern, sagt Bresinski. Aus Schamgefühl und Angst würden sie sich nicht melden. „Es gibt keine anonyme Stelle, an die sich Männer in einer solchen Situation wenden können“, sagt er. Männliche Opfer häuslicher Gewalt müssen zudem mit dem Spott anderer leben. Oft höre man, sie seien eben keine echten Männer und hätten selbst Schuld. Zurückzuschlagen ist für diese Männer keine Alternative.

Normalerweise berät Ingo Bresinski werdende Väter und informiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Inzwischen sind es drei Männer, die aus der normalen Beratung fallen und in ihren Beziehungen Gewalt erfuhren oder noch immer erfahren: „In der Beratung geht es darum, den Betroffenen Raum zu geben, damit sie mit ihrer Hilflosigkeit umgehen können.“ Zu ihm kommen die Männer vornehmlich über Mundpropaganda. Die Dunkelziffer der Betroffenen sei hoch, sagt Brisinski: „Die genauen Zahlen kennt nicht einmal die Polizei.“ Aus Scham gehen die Betroffenen nicht zur Polizei.

Die Gründe, dass Männer sich nicht melden, sind vielfältig: das Stereotyp, der vermeintlich stärkere Partner könne gar nicht Opfer sein; die Angst vor Rache der Partnerin, der Verlust des Kontakts zu den Kindern; Einsamkeit. Oder die Angst vor den Reaktionen von Freunden oder der Polizei. Oft bestehe noch Hoffnung, die Partnerin werde sich ändern. Diese Ängste sind vergleichbar mit denen von Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden. „Man erträgt es halt“, sagt Bresinski. Die Männer versuchten dann, die eigene Hilflosigkeit und das Schamgefühl zu kompensieren und flüchteten sich in Drogen oder Alkohol – am Ende stehe bei manchen die Obdachlosigkeit. Im Unterschied zu Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, existieren für Männer keine Institutionen wie Frauenhäuser, an die sie sich wenden können. „Hätten wir mehr Anlaufstellen, würde es viele Folgeprobleme nicht geben“, sagt Gert Koll, Leiter der Fachstelle für Wohnhilfen der Stadt. Im Tagestreff für Wohnungs- und Obdachlose gebe es einige Männer aus solchen Beziehungen.

Für Bresinski ist es ein gesellschaftliches Problem: „Stereotype Rollenverhältnisse“ seien ein Grund, warum Männer schweigen und sich nicht trauen über die eigenen Gefühle zu sprechen. Ein weiterer Grund sei die akzeptierte Gewalt von Frauen gegen Männer. Bei seinem Vortrag zum Thema „Gewalt gegen Männer“ vor dem Gleichstellungsausschuss wählte er das Bild der Ehefrau mit dem Nudelholz, um deutlich zu machen, Gewalt von Frauen ist gesellschaftlich akzeptiert. Jeder kenne das Bild und lache darüber. „Es gibt kein Unrechtsbewusstsein bei schlagenden Frauen“, sagt Brisinski. Die Mitglieder des Gleichstellungsausschusses denken jetzt darüber nach, eine „Männerwohnung einzurichten“ und ein Konzept zu erarbeiten, um Betroffenen besser helfen zu können.

Bresinski macht indes deutlich: Noch immer sind weit mehr Frauen Opfer von Gewalt in Beziehungen als Männern. Zwar gebe es Studien, die ein Viertel aller Männer als Opfer von Gewalt in Partnerschaften sehen. Hier könne man aber nicht sagen, wie viele Frauen sich nur gegen ihre gewalttätigen Männer wehrten. Für Brisinski ist klar: „Es gibt Männer, die werden Opfer von häuslicher Gewalt, ohne dass sie zuvor Täter gewesen sind“. Denen müsse man helfen.

Männer finden Hilfe unter info@vaeternetzwerk-flensburg.de oder Tel. 0461-4077793.

 

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