„Angsträume“ in Flensburg : Wenn es plötzlich unheimlich wird

Positives Beispiel; Durch die Graffiti des Künstlers Sven Schmidt und eine Bodenbeleuchtung wurde das „Mauseloch“ am Zob zum „angstfreien“ Raum.
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Positives Beispiel; Durch die Graffiti des Künstlers Sven Schmidt und eine Bodenbeleuchtung wurde das „Mauseloch“ am Zob zum „angstfreien“ Raum.

Flensburger sind aufgerufen, ihre „Angsträume“ zu identifizieren – damit die Stadt reagieren kann

shz.de von
08. Februar 2018, 06:17 Uhr

Wenn Meike Bruhns spätabends mit dem Zug von Hamburg in den Flensburger Bahnhof einfährt, ist für sie noch lange nicht Endstation. Sie muss die Tristesse des Umfelds rund um den Bahnhof tapfer durchschreiten, weiter in Richtung Innenstadt – und dann führt am Carlisle-Park kein Weg vorbei. „Sehr unangenehm“, gesteht die Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses, „da wird mir schon mulmig zumute.“

Der Park ist unbeleuchtet, hohe Büsche bieten potenziellen Tätern, die Böses im Schilde führen, Schutz in der Dunkelheit. Zu Übergriffen ist es hier schon mehrfach gekommen. Und so firmiert der Carlisle-Park inzwischen unter dem Begriff „Angstraum“.

Davon gib es mehrere in der Stadt, und diese Orte sind nicht zwingend mit Dunkelheit oder einem drohenden kriminellen Akt zu assoziieren. „Es hat auch mit Stadtgestaltung zu tun“, sagt Oberbürgermeisterin Simone Lange. Sie führt den Südermarkt an, der für viele ein Angstraum sei – den man allerdings durch städtebauliche Eingriffe verändern könne.

Das Thema Sicherheit, dem stets ein subjektives Empfinden zugrunde liegt, ist für sie eine politische Daueraufgabe, weil die gesellschaftlichen Bedingungen und die Entwicklung von Kriminalität ebenso einem ständigen Wandel unterworfen sind. Auch ihr fallen ad hoc Ecken in Flensburg ein, die sie lieber meiden würde. Wie etwa der Fußweg zwischen dem Deutschen Haus und NDR-Studio, wo es erst im Sommer letzten Jahres zu einer versuchten Vergewaltigung gekommen war. Ein Mann hatte aus dem Dunkel heraus eine junge Frau attackiert und sie in eine dichte Hecke gezogen...

Besonders gruselig sind unbeleuchtete Unterführungen und Tunnel im Stadtgebiet, die niemand gern betritt – etwa an der Exe, am Friedenshügel oder an der Mozartstraße. Und es gibt „hygienische“ Einrichtungen, die ihren Namen nicht verdient haben (Toiletten in der Neuen Straße, am Zob und im Bahnhof). „Das ist ein ernstzunehmendes Problem“, sagt Gleichstellungsbeauftragte Verena Balve, „nicht nur für Frauen.“ Sie plädiert für die Schaffung einer „psychologischen Barrierefreiheit“ an bislang bedrohlich wirkenden Orten. Deshalb hat die Stadtverwaltung jetzt eine Aktion ins Leben gerufen, die helfen soll, die erwähnten Angsträume zu identifizieren und schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen.

In einer Auflage von 5000 Stück wird eine Flensburg-Postkarte unters Volk gebracht:
.„Wenn es dunkel wird in Flensburg ... sich sicher fühlen! Sich frei bewegen!“ steht darauf. Bis zum 28. Februar können Flensburger und Gäste melden, wo sie sich unwohl fühlen, dieses Gefühl begründen und Ideen oder Anregungen liefern.

Im März soll eine Übersicht der angestoßenen und erledigten Maßnahmen im Internet veröffentlicht werden. „Hinweise für künftige Planungen sind uns sehr wichtig“, betont Verena Balve. „Wir wollen mit der Aktion keine Angst schüren, sondern eine Antwort darauf finden.“

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