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Auslandseinsätze der Bundeswehr : Wenn die Seele Schaden nimmt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Anlässlich des Bet- und Bußtags spricht ein Militärseelsorger in der Flensburger Diako über seine Erfahrungen.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2014 | 17:00 Uhr

„Ich nehme sie jetzt mit nach Afghanistan.“ Mit diesen Worten leitete Militärdekan Michael Rohde seinen Vortrag zum Buß- und Bettag in der Diako ein. Zumindest auf emotionaler Ebene lag er damit ganz richtig, denn nach Rohdes Vortrag über seine Zeit als Militärseelsorger in Afghanistan brauchten seine Zuhörer erst einmal eine gewisse Zeit, um auch geistig aus den Militärcamps am Hindukusch in den Flensburger Fliednersaal zurückzufinden.

Man muss die Nachrichtenwelt nicht lange durchsuchen, um mehr über die 104 Bundeswehrsoldaten zu erfahren, die seit 1993 in Auslandseinsätzen ums Leben kamen. Aber diejenigen, die seelische Verletzungen erlitten haben, tauchen in kaum einer Statistik auf. Mit diesen Fällen hat sich Michael Rohde in Afghanistan auseinander gesetzt und sagt, dass die unglaublich hohe Frequenz zwischen Freude und Leid den meisten Soldaten zu schaffen mache. Als Beispiel nennt er sein schönstes und sein schrecklichstes Weihnachtserlebnis, zwei Erfahrungen, die nur einen Tag voneinander entfernt lagen: „Wir feierten Weihnachten mit den Amerikanern in einem alten Flusslauf, mit vielen Fackeln. Es war ein unglaublich verbindender, intensiver Augenblick, denn in einer umkämpften Region kriegt die Botschaft ‚Frieden auf Erden‘ eine ganz andere Bedeutung.“ Nur einen Tag zuvor war mitten in ein Krippenspiel die Nachricht geplatzt, dass ein Mitarbeiter des Entwicklungsministeriums erschossen worden war. „An einem Tag himmelhochjauchzend, am anderen zu Tode betrübt – man schließt viel schneller Freundschaften, aber sie werden auch viel schneller auseinander gerissen. Wenn man nach Hause kommt, ist es unglaublich schwer, wieder in einen normalen Rhythmus hineinzukommen.“

Der gewaltsame Tod habe ihn in Afghanistan auch noch ganz anders betroffen gemacht, als Todesfälle in Deutschland. „Verstehen Sie mich nicht falsch – auch hier ist das schlimm. Aber als ich bei meinem ersten Trauerapell vom Pathologie-Container bis zum Flugfeld hinter dem Sarg hergegangen bin, an 4000 Soldaten vorbei, die Spalier standen, da war das der schwerste Weg meines Lebens.“

Aber nicht nur der Tod von Kameraden, sondern auch der Tod eines Feindes hat Rohde in Afghanistan immer wieder beschäftigt. „Wenn Soldaten tatsächlich zum ersten Mal jemanden töten müssen, dann ist das für sie eine schreckliche Erfahrung.“ Ein wichtiges Thema sei dabei der Umgang mit der eigenen Schuld. „Ein 22-jähriger Soldat, der an nichts glaubte, kam zu mir, weil er mit der Situation nicht klar kam. Es hat lange gebraucht bis ihm bewusst wurde, dass er auf der Suche nach Vergebung war – das allein hat ihm schon ein bisschen geholfen.“

Es gibt viele kleine Dinge, mit denen Michael Rohde versucht hat, den Soldaten ihr Leben weit entfernt von Zuhause leichter zu machen. Auch von diesen schönen Erlebnissen erzählt er und zeigt dazu Fotos von Suppenküchen und Gottesdiensten, von Chören und Krippenspielen und von Kuscheltier Susi, über das Rohde erst nicht sprechen wollte, bis sich herausstellte, dass jeder so ein Ding aus der Heimat hatte, um sich daran festzuhalten.

 

 

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