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Flensburger Tageblatt

23. September 2017 | 09:22 Uhr

Streik : Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auch wenn die meisten Briefe trotz Streik ankommen: In Flensburg bleiben wichtige Sendungen tagelang liegen.

Flensburg | Joachim Wiese verliert langsam die Geduld. Seit zehn Tagen wartet der Fruerlunder auf einen wichtigen Brief aus dem Grundbuchamt am Südergraben. Doch der Poststreik macht Wiese einen Strich durch die Rechnung.

Glaubt man der Deutschen Post AG, dann müsste Wiese statistisch an drei von vier Tagen seine Post im Briefkasten haben. Streik hin, Kundgebung her: Das Unternehmen verkündet, dass 76 Prozent der Briefe und 62 Prozent der Paketpost zugestellt werden. „Wir versuchen natürlich die Auswirkungen auf den Kunden so gering wie möglich zu halten“, sagt der Hamburger Postsprecher Jens-Uwe Hogardt. Die Aussage ist nicht so recht mit den Beobachtungen des Flensburgers in Deckung zu bringen: „Von Dienstag bis Sonnabend vergangener Woche habe ich keinen Zusteller der Deutschen Post im Stadtteil Fruerlund gesehen.“ Am Montag sei zwar ein Zusteller durch den Fruerlundhof geradelt – die wichtige Sendung aus dem Grundbuchamt war aber nicht dabei. Von drei Vierteln erfolgreicher Briefzustellung scheint der Fruerlundhof jedenfalls derzeit weit entfernt zu sein.

Eine nicht repräsentative Umfrage gestern über die Facebook-Seite des Flensburger Tageblatts ergab folgendes Bild: Dennis Stadie geht es ähnlich wie Wiese. Er wartet schon seit zwei Wochen auf wichtige Papiere: „Es nervt einfach nur mit dem Streik. Wann werden beide Parteien sich einig?“ Ein anderer Facebook-Nutzer hat schon Spinnweben im eigenen Briefkasten ausgemacht. Jutta Schubelgruber aus der Nordstadt hingegen gehört immer noch zu den Glücklichen, die täglich vom Postzusteller beehrt werden. Die Erfahrung: Die Lage kann von Straße zu Straße schon völlig unterschiedlich sein. Dass nicht alle Briefträger streiken, belegen Beobachtungen der Redaktion von gestern Mittag: Sowohl an der Mürwiker Straße als auch im Sandberg-Karree war die Welt der Briefzustellung in Ordnung.

Die Gewerkschaft Verdi ruft sowohl Brief- als auch Paketzusteller zum Streik auf – in Flensburg seien alle Verdi-Mitglieder, also 60 Post-Mitarbeiter, im Ausstand, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Ebeling. Lediglich Post-Beamte, die kein Streikrecht haben, und Austräger, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, seien hier noch im Dienst. „Briefe und Pakete werden mittlerweile in riesigen Hallen zwischengelagert – die Post denkt, dass sie den Streik einfach aussitzen kann“, schimpft Ebeling. Landesweit beteiligen sich nach seinen Angaben 1280 Post-Mitarbeiter am Streik. Die Zahl habe sich innerhalb einer Woche verdoppelt, so Ebeling. Dazu gehörten nun auch die Callcenter-Angestellten, auf die die zahlreiche Kritik der Kunden einprasselt.

Auch Joachim Wiese hatte versucht sich per Telefon Aufschluss darüber zu verschaffen, warum seine Post nicht zu den 76  Prozent der trotz Streik zugestellten Briefe gehört. Die Auskunft lautete nur: Alle Briefzentren würden bestreikt. „Man wird abgespeist“, ärgert sich der Fruerlunder. „Die Zahlen stimmen höchstens auf Amrum – und dort auch nur, weil wir noch nicht zum Streik aufgerufen haben“, spottet Ebeling.

 

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