Husby/Schleswig : Wenn der Pastor keine Zeit hat

Vor dem Altar von St. Vincentius: Pastorin Claudia Süssenbach (v.l.), Birgit Hinsche, Prädikantin in der Ausbildung, sowie die fertig ausgebildeten Prädikantinnen Melanie Scholz und Dagmar Demski.
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Vor dem Altar von St. Vincentius: Pastorin Claudia Süssenbach (v.l.), Birgit Hinsche, Prädikantin in der Ausbildung, sowie die fertig ausgebildeten Prädikantinnen Melanie Scholz und Dagmar Demski.

Drei Jahre dauert die Ausbildung – danach dürfen Prädikanten Gottesdienste gestalten.

shz.de von
24. Januar 2018, 13:17 Uhr

„Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter Euch, seid eines Sinnes und einer Meinung“, ermahnt Paulus die sich uneinigen Christen in der Vielvölkerstadt Korinth, um die Zerrissenheit jener jungen Gemeinde Jesu zu beenden. „Diese Abspaltung untereinander ging Paulus gegen den Strich“, sagte Melanie Scholz kürzlich im sonntäglichen Gottesdienst von der Kanzel der St.-Vincentius-Kirche in Husby zu den Gläubigen. Melanie Scholz aus Sörup rückte den ersten Brief an die Korinther aus dem Neuen Testament ins Zentrum ihrer Predigt.

Mit dem Gottesdienst, den die 41-Jährige eigenständig und souverän leitete, schloss sie ihre Ausbildung zur Prädikantin ab. Sie wird, so wie auch Dagmar Demski (59) aus der Kirchengemeinde Flensburg-Adelby, zu den rund zehn Prädikantinnen und Prädikanten zählen, die am 11. März in einem Berufungs-Gottesdient im Schleswiger St.-Petri-Dom von Bischof Gothart Magaard in das kirchliche Ehrenamt eingesegnet werden.

Gerade für die protestantischen lutherischen Kirchen haben Interpretation und Auslegung von Bibeltexten in der Predigt, dem „Verkündigungsteil“ des Gottesdienstes, einen sehr hohen Stellenwert. Dazu bedarf es nicht unbedingt einer hauptberuflichen Pastorin oder eines Pastors; auch jeder evangelisch Getaufte darf das Wort Gottes verkünden. Deshalb gibt es im lutherischen Protestantismus keine „Laienprediger“, wie in der katholischen Kirche. In der evangelischen Kirche gestalten ausgebildete Prädikanten die Liturgie bis hin zur Erteilung des Abendmahls und dem abschließenden Gemeindesegen.

In Deutschland wurden bereits um 1950 die ersten Prädikanten eingesetzt, verstärkt geschieht dies seit den 1990er Jahren. Dabei geht es in heutiger Zeit zwar auch darum, die hauptamtlichen Geistlichen zu entlasten, jedoch steht die Öffnung des kirchlichen Dienstes in Form der aktiven Beteiligung von Menschen ohne theologische Vorkenntnisse im Vordergrund.

Prädikant kann prinzipiell jeder werden, der einer evangelischen Gemeinde angehört. Sie oder er sollte sich aber möglichst bereits für die Gemeindearbeit ehrenamtlich engagiert haben. „Voraussetzung für eine Ausbildungsbewerbung ist, dass sich der Kirchengemeinderat sowie der zuständige Propst oder die Pröpstin für den jeweiligen Interessenten aussprechen“, sagt Pastorin Claudia Süssenbach vom Bereich Gemeindedienst in der Nordkirche in Hamburg. Sie ist gemeinsam mit ihren Kollegen, den Pastoren Andreas Wandtke-Grohmann und Friedrich Wagner, für die gesamte Prädikantenausbildung zuständig und begutachtete den Gottesdienst von Melanie Scholz, die künftig in der Kirchenregion Nieharde (Esgrus, Sterup, Quern-Neukirchen, Sörup und Steinberg) predigen wird.

Weil Melanie Scholz bereits etliche Semester Theologie absolviert hat, war für sie eine verkürzte Ausbildung zur Prädikantin möglich. Zurzeit wird sie zudem zur Gemeindepädagogin ausgebildet.

Für Prädikanten-Aspiranten ohne theologische Vorbildung jedoch läuft das „volle Programm“ über drei Jahre. Dieser Ausbildungsweg ist „nicht ohne“: In der Nordkirche umfasst der Kurs „Gottesdienstgestaltung“ drei Studienwochen und ein Dutzend Studienwochenenden jeweils im Pastoralkolleg in Ratzeburg. Zudem sind während des Kurses alle sechs Wochen Treffen mit den Kursbegleitern zu terminieren. Hinzu kommt das Einüben des liturgischen Ablaufs und der Verkündigung in der Gemeinde.

Pastor Hans-Christian Gerber aus Husby war während der praktischen Ausbildungsphase der Betreuer von Melanie Scholz. Gerber wirkt seit rund zwei Jahrzehnten als regionaler Mentor.

Gefragt nach dem durchschnittlichen Alter der Prädikanten-Anwärter sagt „Chefausbilderin“ Claudia Süssenbach: „Die meisten befinden sich in der Lebensmitte zwischen 40 und 60 Jahren“. Die Altersgrenze sei 70 Jahre. Das Verhältnis von Frauen und Männern sei etwa gleich.

>Der nächste Kurs ist im Mai. 24 Plätze werden vergeben, für die es bereits 35 Bewerber gibt. Das Konzept der Ausbildung ist im Internet auf www.gemeindedienst-nordkirche.de Rubrik/ehrenamtliche/praedikanten/.



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