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Flensburg : Wenn der Arzt nicht zum Patienten kommt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine hilflose ältere Dame wartet in ihrem Zuhause vergeblich auf medizinische Betreuung.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 19:08 Uhr

Flensburg | Sie ist an die Wohnung gefesselt, bedarf dringend ärztlicher Versorgung. Anna Kosinski* ist kurz vor Ostern aus dem Krankenhaus entlassen worden. Mit einer offenen Wunde – einem schmerzhaften Dekubitus, der seiner Natur nach einem langsamen Heilungsprozess unterliegt. Die Patientin benötigt Hilfe beim Waschen und Essen sowie regelmäßiges Umlagern – vor allem aber benötigt sie einen Hausarzt, der nach ihr sieht. Doch der ist nicht in Sicht.

Hintergrund: Besuchsbehandlung

Die Besuchsbehandlung ist grundsätzlich Aufgabe des behandelnden Hausarztes. Ein Arzt mit Gebietsbezeichnung, der nicht die Funktion des Hausarztes wahrnimmt, ist unbeschadet seiner Verpflichtung zur Hilfeleistung in Notfällen auch zur Besuchsbehandlung berechtigt und verpflichtet:

1. Wenn er zur konsiliarischen Beratung hinzugezogen wird und nach dem Ergebnis der gemeinsamen Beratung weitere Besuche durch ihn erforderlich sind,

2. wenn bei Versicherten, die von ihm behandelt werden, wegen einer Erkrankung aus seinem Fachgebiet ein Besuch notwendig ist.

 

Ein ambulanter Pflegedienst kümmert sich um die 63-Jährige. Inhaberin Annabell Sievert und ihr Team haben sich nach Kräften bemüht, einen Arzt zu gewinnen, der sich der Frau in ihrer Not annimmt. Vergeblich. „Wir haben bestimmt 30 Praxen in Flensburg und Harrislee abtelefoniert und sind jedesmal abgewiesen worden“ – oft schon am Empfang, der in der Regel mit medizinischen Fachangestellten besetzt ist. „Wir konnten es gar nicht fassen“, sagt Annabell Sievert, „dass man die arme Frau so allein lässt.“ Selbst das Angebot, den Arzt mit dem Auto abzuholen, sei ausgeschlagen worden.

Kristina Lehnardt erlebt das Problem hautnah. Sie versorgt die Wunde, die sich nicht schließen will. „Sie wächst nur sehr langsam zu“, sagt die Pflegedienst-Mitarbeiterin. Sie kennt sich aus. „Mit dieser Erkrankung haben wir es bei älteren Menschen häufig zu tun.“ Sie weiß aber auch, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind. „Frau Kosinski braucht einen Arzt, der zu ihr kommt!“ Denn ihre Klientin, die zudem psychisch stark belastet und übergewichtig sei, „ist keinesfalls transportfähig“. Zudem sei es notwendig, Anna Kosinski mit Krankengymnastik zu mobilisieren. Doch auch in dieser Hinsicht sei man erfolglos geblieben.

Tageblatt-Recherchen führten zur AOK Nordwest, bei der Anna Kosinski versichert ist. Die Krankenkasse wurde umgehend tätig. „Nach Bekanntwerden sind wir dem Fall sofort nachgegangen“, versichert Sprecher Jens Kuschel, „und haben ermitteln können, dass unsere Versicherte inzwischen einen anderen Hausarzt haben soll und sie gut versorgt sei.“

Tatsächlich war es dem Pflegedienst gelungen, nach acht Tagen einen Mediziner zu finden, der inzwischen einen Hausbesuch gemacht hat. „Dabei soll es aber auch bleiben“, sagt Annabell Sievert. Eine Weiterbehandlung sei nur in Aussicht gestellt worden, wenn die Patientin die Praxis aufsuche. „Dazu müsste sie das Haus verlassen und Treppen steigen können. Beides erscheint nach derzeitigem Stand unmöglich.“

Jens Kuschel zufolge gehören Hausbesuche grundsätzlich zum Inhalt der ärztlichen Behandlung und zum Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung. Im Rahmen der Arzt-Patienten-Beziehung entscheide jedoch der behandelnde Arzt, ob und wann er bei einem Patienten einen Hausbesuch durchführen kann und will. „Dabei wird er unterschiedliche Kriterien berücksichtigen, die sowohl mit dem Krankheitsgeschehen des Patienten als auch mit seiner Praxisführung zu tun haben.“

Auch die Kassenärztliche Vereinigung hat sich zwischenzeitlich mit dem Fall beschäftigt. Sprecher Marco Dethlefsen wundert sich: Es erscheine ungewöhnlich, dass eine an die Wohnung gebundene Patientin keinen Hausarzt habe. „Grundsätzlich liegen uns keine Informationen vor, dass Flensburger Hausärzte keine Besuche machen. Dies belegen auch unsere Abrechnungsdaten.“ Demnach führen fast alle der rund 70 Hausärzte in Flensburg Hausbesuche durch.

Dethlefsen verweist auf die im Bundesmantelvertrag für Ärzte festgelegten Bestimmungen zu Hausbesuchen Darin heißt es gemäß Paragraf 17 Abs. 7, dass die Krankenkassen ihre Versicherten darüber aufzuklären hätten, dass sie einen Anspruch auf Besuchsbehandlung nur haben, wenn ihnen das Aufsuchen des Arztes in dessen Praxisräumen wegen Krankheit nicht möglich oder nicht zumutbar ist – und das scheint im vorliegenden Fall gegeben.

Der Vertragsarzt aber kann Besuche außerhalb seines üblichen Praxisbereiches auch ablehnen – es sei denn, dass es sich um einen dringenden Fall handelt und ein Vertragsarzt, in dessen Praxisbereich die Wohnung des Kranken liegt, nicht zu erreichen ist. Wird ohne zwingenden Grund ein anderer als einer der nächsterreichbaren Vertragsärzte in Anspruch genommen, habe der Versicherte die Mehrkosten zu tragen.

Für Annabell Sievert ist das alles graue Theorie. Was sie mit ihrer Klientin erlebt, ist kein Einzelfall. Eine Krebspatientin, die sie betreut, habe ebenfalls keinen Arzt gefunden, der nach ihr schauen möchte. Der Pflegedienst fährt sie seitdem regelmäßig zur Behandlung in eine Gemeinschaftspraxis.

Und Anna Kosinski? „Sie ist sich nicht genau dessen bewusst, was ihr widerfährt“, sagt Kristina Lehnardt. „Doch ich erlebe, wie schlecht es ihr geht – seelisch und körperlich.“

*Name geändert

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