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Flensburger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 09:06 Uhr

Wenn das Geld zum Leben nicht reicht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Darum gibt es die Bürgerwette: Der Fonds hilft Menschen aus Notlagen, die kaum mehr als das vorgegebene Minimum zur Verfügung haben

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2014 | 07:23 Uhr

Ein leichtes Leben hat sie nie gehabt. Marianne Sydow * erlebte Krieg und Vertreibung, verlor früh ihre Familie und musste sich in Flensburg ein ganz neues Leben aufbauen. Mit ihrer Rente kommt sie kaum aus, Hilfe indes hat sie nie in Anspruch genommen. „Nicht einen einzigen Pfennig“, sagt die zierliche Frau. Jetzt, im Alter von 85 Jahren, ging es nicht mehr anders. Über die Einrichtung „Die Treppe“, die Frauen in besonderen Notlagen unterstützt, hörte sie erstmals vom Bürgerfonds. Der half im Handumdrehen.

Im Winter 1945 musste die Familie aus dem ostpreußischen Insterburg fliehen. Dort wuchs Marianne naturverbunden auf einem Gutshof auf, der vom Vater verwaltet wurde. „Ich war die Außenministerin, immer nur draußen“, sagt sie und lacht. Erinnerungen werden lebendig, die Tiere, die sie um sich schart, die Geburt eines Fohlens . . .

Durch die Flucht mit Pferd und Wagen wurde die Familie auseinander gerissen. Unversehens fand sich die 16-Jährige allein in einem Zug gen Westen wieder. In Berlin suchte und fand sie ihre Eltern, wenig später starb ihre Schwester im Alter von nur 19 Jahren. Typhus.

Es verschlug sie schließlich nach Flensburg. Dort fand sie Arbeit in der Buchdruckerei Christian Wolff an der Angelburger Straße. Als Hilfskraft. Dort sollte sie 43 Jahre lang bleiben – bis zum Rentenalter. Ihrer Wohnung ist sie ebenfalls treu. 1967 zahlte sie 48 D-Mark Miete für zweieinhalb Zimmer am Munketoft. Heute sind es 507 Euro.

Abzüglich der Kosten für Strom, Telefon, GEZ, Krankenkasse und Medikamente bleibt kaum etwas zum Leben. Ihre Rente liegt genau drei Euro über der Bemessungsgrenze für die Gewährung von Wohngeld. Und so musste Marianne Sydow nach und nach ihren Schmuck versetzen, um die Nachzahlungen für Heizung und Nebenkosten (im Schnitt fast 300 Euro) bestreiten zu können. Für das letzte Geschenk ihres Vaters, eine Schweizer Tissot-Armbanduhr, gab ihr ein An- und Verkauf gerade einmal 20 Euro. „Dabei war es so ein schönes Stück“, sagt die Rentnerin, die auch ihren geliebten goldenen Armreif versetzte, um über die Runden zu kommen.

Marianne Sydow hat trotz aller Sorgen ihren Humor nicht verloren – und war immer aktiv. Sie mag Konzerte und Theater, und kaum ein Spiel der SG Flensburg-Handewitt hat sie versäumt. Autogramme ihrer Helden sammelt sie leidenschaftlich. Wie von Lars Christiansen. „Der hat mich in den Arm genommen und geherzt“, erinnert sie. Die Unterschrift steht nun neben denen von Karel Gott, Justus Frantz, Rudolf Schock und Heinz Ehrhardt. „Alle waren sie sehr nett zu mir – bis auf Marika Rökk.“

Für die SG gibt es eine Ermäßigung nur für Stehplatzkarten. „Jetzt aber fällt mir das Stehen schwer, sagt die zu 50 Prozent Schwerbehinderte.“ Auch ihr Magen ist angeschlagen. „Der ist seelisch kaputt“, hat mir mein Hausarzt gesagt. Folgen eines harten Lebensalltags.

Im Mai dieses Jahres – es drohte wiederum eine Nachzahlung – hörte sie über ihre Hausverwaltung von der „Treppe“. Sie vereinbarte ein Gespräch mit deren Leiterin Martina Dreger, die umgehend den Bürgerfonds in Anspruch nehmen konnte. „Das ging ganz schnell.“ 300 Euro, den Maximalbetrag, stellte man ihr zur Verfügung. Ihrer Perlenkette und dem goldenen Ring von ihrer Mutter bleiben so der Weg ins Pfandhaus erspart.

„Wir nehmen den Fonds regelmäßig in Anspruch“, sagt Martina Dreger, „eine segensreiche Einrichtung.“ Bedürftige erhalten auf diese Weise einen Zuschuss etwa für eine neue Brille, Kleidung für einen bevorstehenden Krankenhaus-Aufenthalt oder eine Reha, für Fahrtkosten, die sonst keiner übernimmt, einen Kühlschrank oder ein neues Bett. Marianne Sydow ist dankbar für die spontane Hilfe. „Ich bin kein superfrommer Mensch“, sagt sie, „aber ich sage, lieber Gott, beschütze die Menschen, die mir geholfen haben.“

 

* Name geändert

 

 

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