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Analphabetismus : Wenn Buchstaben zur Qual werden

vom

7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten als Analphabeten. Auch für viele Flensburger ist Lesen und Schreiben ein Problem. Zwei Betroffene berichten von ihren Erfahrungen.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2013 | 01:22 Uhr

Flensburg | Scrabble ist ein gemeines Spiel. Speisekarten eine Herausforderung. Ein Leserbrief, eine SMS oder Hausaufgabenhilfe bei seiner Tochter unmöglich. Und die Lektüre eines ganzen Buches - ein großer Traum. Doch von Martin Lüdersens* großem Geheimnis weiß einzig und allein seine Frau, mit deren Hilfe er den Alltag meistert. Vor allem das Schreiben ist es, was ihm so schwer fällt. Die Buchstaben wollen sich einfach nicht zu Wörtern oder gar Sätzen fügen, schon das richtige Hören der einzelnen Laute ist ein Problem. "Aber ich habe mich immer so durchgeschleppt", sagt der Flensburger.
Ein Einzelfall, bei dem in der Schule etwas schief gelaufen ist, mag man urteilen. Doch dieser vermeintliche Einzelfall ist gar keiner. Er teilt das Schicksal mit rund 7,5 Millionen sogenannten funktionalen Analphabeten in Deutschland, wie eine Studie der Hamburger Universität belegt. Demnach können rund 14 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (18-64 Jahre) nur unzureichend Lesen und Schreiben - das entspricht knapp 8000 Flensburgern.

"Heute bin ich manchmal wütend darüber"


Martin Lüdersen weiß, wann das Kind in den Brunnen gefallen ist. Er wuchs auf einem Bauernhof auf, musste nach der Schule direkt aufs Feld. Zeit für Hausaufgaben blieb da nicht, erzählt er. Und die Eltern hätten sich nicht für die Schule interessiert. Die zweite Klasse musste er wiederholen, dann ging es auf die Sonderschule. Doch gezielt gefördert wurden seine Lese- und Schreibfähigkeiten da nicht. "Heute bin ich manchmal wütend darüber", sagt der Familienvater. "Doch ich weiß, dass es auch meine Schuld war."
Ob jemand als Analphabet gilt, hängt von den Anforderungen der Gesellschaft ab, in der die Person lebt. In einer so hoch entwickelten Wissens- und Informationsgesellschaft wie unserer gelten hohe sprachliche Anforderungen, will man an der Kommunikation teilhaben. Die steigende Teilnehmerzahl in den Alphabetisierungskursen nicht nur der Flensburger Volkshochschule zeigt, dass immer mehr Menschen diesem Niveau nicht gewappnet sind.

"Was ich schon ausgehalten habe"


Martin Lüdersen hat sich sein Leben lang mit Handlangertätigkeiten über Wasser gehalten, zuletzt als Paketbote. "Aber das Ausfüllen der Benachrichtigungen fiel mir schwer", sagt er und verschränkt seine kräftigen Arme. Wieder einmal wurde er entlassen. "Was ich schon ausgehalten habe", seufzt er. Dann habe das Arbeitsamt "Druck gemacht" - und er ist über seinen Schatten gesprungen. Seit einem Jahr nimmt er am VHS-Kurs "Lesen und Schreiben für Erwachsene" teil, wie rund 20 weitere Flensburger.
Auch Rüdiger Thomsen* paukt dort wöchentlich Silben, Endungen und das Verbinden von Buchstaben zu Wörtern. Im fortgeschrittenen Alter hat er noch den Mut gefasst, sich wieder auf die Schulbank zu setzen. "Ich wollte endlich mal eine Zeitung lesen", sagt er mit abgewandtem Blick. Die Scham ist ihm deutlich anzumerken. Das Selbstbewusstsein fehlt. Kein Wunder, denn da ist ständig diese Angst. Angst, dass es rauskommt. Bloßgestellt zu werden vor Kollegen, Bekannten oder Verwandten. Nicht einmal seine besten Freunde wissen von seiner Schwäche, erzählt der fest angestellte Bauarbeiter. Seinem Chef hat er vor Jahren erzählt, dass er nicht Lesen und Schreiben kann. "Du bist gut in der Praxis - für mich ist das kein Problem", habe dieser gesagt. Rüdiger fiel ein großer Stein vom Herzen.

"Ich fühle mich von der Kommunikation ausgeschlossen"


Wenn er sich informieren will, dann funktioniert das am besten per Fernseher, bei wenig Text und viel Bild. "Ich fühle mich von der Kommunikation ausgeschlossen", sagt er. "Wenn mich meine Frau nicht so toll unterstützen würde, wäre der Alltag fast unmöglich."
Bis zum ersten selbstgeschriebenen Einkaufszettel oder der Lektüre einer Zeitung werden noch viele Kursstunden vergehen. Aber ihr Ziel verlieren die beiden nicht aus den Augen. Und wenn Freunde Scrabble spielen wollen, haben sie immer gute Gegenvorschläge parat.
* Namen von der Redaktion geändert

Grade des Analphabetismus
Funktionale Analphabeten (ca. 14 % der erwerbsfähigen Bevölkerung, d. h. 7,5 Mio. Deutsche) können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben aber Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Analphabeten im engeren Sinne (ca. 4% der erwerbsfähigen Bevölkerung, d. h. gut 2 Mio. Deutsche) können keine ganzen Sätze lesen oder schreiben. Gebräuchliche Wörter müssen sie Buchstabe für Buchstabe mühsam zusammensetzen. Quelle: "Leo" Level-One Studie

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