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Deutsches Rotes Kreuz : Wenn alles schläft, sind sie hellwach

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Deutsche Rote Kreuz kümmert sich um Schlafplätze für Flüchtlinge, die nachts keinen Zug mehr Richtung Skandinavien bekommen.

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | Viel Zeit zum Planen haben die Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) nicht. Wie viele Flüchtlinge nachts kommen, wissen sie unter der Woche erst um 2 Uhr, wochenends um kurz vor 3 Uhr – dann kommt der letzte Zug aus Hamburg an. Doch Züge gen Skandinavien, dem bevorzugten Ziel, fahren nur bis 22 Uhr.

Damit die Flüchtlinge nicht auf der Straße schlafen müssen, hat der Katastrophenschutz des DRK über 300 Feldbetten in der Sporthalle der Realschule West aufgebaut. Der Leitungsdienst der Berufsfeuerwehr gibt durch, wie viele Menschen in dieser Nacht einen Schlafplatz brauchen. Dann fahren die Busse vom Bahnhof auch schon los und bringen die Flüchtlinge zwischen 22 und 3 Uhr in die Sporthalle.

Seit vier Wochen passieren täglich mehrere hundert Geflohene den Bahnhof in Flensburg. Die meisten von ihnen wollen direkt weiterreisen nach Schweden, nehmen deshalb den Zug über Dänemark.

In der Schulsporthalle haben seit dem 10. September bereits mehr als 2300 Flüchtlinge geschlafen. Alle nur für eine Nacht, auch deshalb komme es zu keinen schwer wiegenden Problemen, so Marco Matzen, Kreisbereitschaftsleiter des DRK. Außerdem gibt es separate Schlafräume für Familien, Frauen und Männer. Michael Schwind, ehrenamtlicher Helfer des DRK erzählt: „Wenn die Menschen hier nachts ankommen, fallen sie hundemüde ins Bett, legen sich hin und schlafen sofort ein.“

Die Mitarbeiter vom DRK engagieren sich alle ehrenamtlich in der Sporthalle. Sie haben eine Sanitäter- und Grundausbildung für den Betreuungsdienst beim DRK gemacht und sind deshalb für alle Eventualitäten gewappnet. Vor allem wunde Füße müssen sie oft verarzten. Bei schlimmeren Verletzungen oder Krankheiten kommt ein Bereitschaftsarzt oder der Rettungsdienst. Eine Liege sowie Verbandskasten und Medikamente befinden sich in einem kleinen Raum direkt neben den Schlafräumen.

Weil die Verständigung manchmal etwas komplizierter werden kann, vor allem wenn sehr viele Flüchtlinge in einer Nacht ankommen, übernachtet manchmal auch ein Dolmetscher der Helfer vom Bahnhof in der Notunterkunft. Wenn die Flüchtlinge in der Sporthalle ankommen, werden sie mit Essen und Trinken versorgt, Suppe ist immer da. Und natürlich können sie duschen. „Für viele ist es das erste warme Essen und die erste Dusche nach vier Wochen“, erzählt ein DRK-Helfer.

Momentan sind 20 ehrenamtliche Mitarbeiter des DRK im Einsatz für die Flüchtlinge. Mehr als zwei Nächte hintereinander sollten sie aber nicht in der Sporthalle verbringen, denn eine Schicht geht von 20 Uhr bis 7.30 Uhr – ohne eine Minute Schlaf. Kaum sind die Flüchtlinge im Bett, bereiten die Helfer auch schon den Kaffee und das Frühstück vor. Vor allem Nutella sei sehr beliebt, berichtet Nicole Hanl, Gruppenführerin beim DRK.

Bis kurz nach Mitternacht sind die Helfer zu fünft, danach sind noch zwei Mitarbeiter vor Ort, weitere abrufbereit. Unterstützt werden sie vom TeamSH (Team Schleswig Holstein) – Menschen, die bei einer Hilfsaktion des DRK mit anpacken wollen, aber keine ausgebildeten Mitglieder sind.

Um die Helfer zu entlasten, fanden gestern Gespräche mit der Berufsfeuerwehr der Stadt und dem DRK statt, in denen über feste Verträge bis Ende des Jahres verhandelt wurde. Carsten Herzog, Leiter der Berufsfeuerwehr, möchte, dass die Aufgaben der Unterbringung dauerhaft und gesichert in Händen des DRK bleiben. „Dieses Prinzip hat sich bewährt.“

Morgens um 7.30 Uhr geht es für die Flüchtlinge wieder zurück zum Bahnhof. „Sie sind alle so gut erzogen, verabschieden und bedanken sich ganz herzlich“, sagt Michael Schwind. Trotzdem kommt es morgens manchmal zu Gedrängel – die Flüchtlinge haben Angst, keinen Platz zu bekommen. Sie sind traumatisiert von ihrer Flucht.

Wenn die Busse abgefahren sind, wechselt auch das Personal. Dann übernimmt ein Reinigungsteam des DRK die Arbeit: Alle Feldbetten müssen desinfiziert werden, die Berufsfeuerwehr bringt die Decken und Handtücher in die Reinigung.

 

 

 

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