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Prozess in Flensburg : Wende in der West-Ham-Affäre

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zivilprozess vor dem Landgericht: Ein Flensburger Anwalt vertritt die beiden englischen Fußball-Profis von West-Ham-United. Der Taxifahrer fordert etwa 32 000 Euro Schadensersatz.

shz.de von
erstellt am 11.Feb.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Ein Fußballspiel gerät nach anderthalb Jahren zur Randnotiz: Am 23. Juli 2013 besiegt West Ham United den Hamburger SV vor 5700 Zuschauern im Flensburger Stadion mit 3:1. Das Vorspiel: Die Verantwortlichen des englischen Erstligisten mokieren sich über die Trainingsbedingungen in Glücksburg und in der Marineschule. Das Nachspiel: Ein Taxi-Unternehmer verklagt zwei der Akteure von der Insel – beides walisische Nationalspieler – auf die Zahlung von fast 32  000 Euro: Schmerzensgeld, Verdienstausfall, Fahrtkosten. Der Zivilprozess ist vor dem Flensburger Landgericht anhängig.

Wie berichtet, sollen die siegestrunkenen Fußballprofis James Collins (31) und Jack David Collison (28) den Taxifahrer während einer Tour spätabends von Glücksburg nach Flensburg beschimpft, angegriffen und ihm den Arm ausgekugelt haben. Dieser Version widerspricht der Rechtsbeistand der Beschuldigten, der Flensburger Anwalt Frank Markus Döring, energisch. „Dass ihm die Schulter ausgekugelt worden sei, hat der Kläger im Prozess bisher nicht behauptet.“ Ihm sei lediglich der Arm verdreht worden. Und das aus gutem Grund: Der Taxifahrer habe während der Fahrt Video-Aufnahmen von den Spielern gemacht und sich bei Ende der Fahrt geweigert, diese zu löschen. Daraufhin habe der 1,93 Meter große James Collins dem Fahrer sein Smartphone entrissen und die Aufnahme kurzerhand gelöscht – offenbar in der Befürchtung, der Chauffeur wolle diese Sequenzen veröffentlichen oder verkaufen.

Die Rechtslage lasse diese Form von Notwehr durchaus zu, meint Döring. „Mein Mandant hat seine Persönlichkeitsrechte verteidigt. “ Und: „Die Fußballer haben für ihre Darstellung zwei Zeugen benannt, der Kläger keinen.“ Unserer Zeitung liegt die Aussage eines Beobachters vor, der dieses Szenario weitgehend bestätigt. Der Barkeeper, der in Mürwik eine Gaststätte betreibt, in der die Fußballer bis morgens um sechs Uhr friedlich gefeiert – und sogar bezahlt haben sollen, habe nicht den Eindruck gehabt, dass der Arm ausgekugelt sei.

Dafür spricht auch, dass der Taxifahrer nach dem Vorfall eine weitere Fahrt mit Fahrgästen von West Ham United vom Strandhotel in die Flensburger Innenstadt unternommen hat. Döring: „Das ist im Prozess bisher unstreitig.“ Die Diagnose des zuständigen Krankenhauses nach einer ersten Begutachtung der Verletzungen: Distorsion des Schultergelenks, des Ellenbogens und des Handgelenks. Hautabschürfungen. Distorsion? Bedeutet nichts anderes als Verstauchung.

Die Forderung des Klägers empfindet die Gegenseite als völlig überzogen. Sie setzt sich zusammen aus: Schmerzensgeld 5000 Euro, Fahrtkosten zu Arzt und Physiotherapeut 7000 Euro, Verdienstausfall für gut sieben Wochen knapp 20  000 Euro. Ein Vergleich ist gescheitert. Der Taxi-Unternehmer soll die ihm angebotene Summe von 8000 Euro abgelehnt haben.

Berechtigte Frage: Warum sollten die Nationalspieler, deren Jahresgehalt drei Millionen Euro kaum unterschreiten dürfte, sich den Flug in den Norden Deutschlands antun, anstatt den eingeforderten Betrag aus der Portokasse zu zahlen? Offenbar sind sie von den Reiseplänen inzwischen abgerückt. Ihr Anwalt hat eine Videokonferenz für die nächste Ladung im Landgericht am 20. Februar beantragt – eine Antwort steht aus.

Bleibt ein bemerkenswertes Schlaglicht, das aus England kolportiert wird. So soll ein Journalist der „Times“ einem Verantwortlichen bei West Ham berichtet haben, dass der Kläger einige Tage nach dem Vorfall bei der Zeitung angerufen habe, um seine „Story“ zu verkaufen. Der Redakteur habe um eine schriftliche Eingabe gebeten, der Taxifahrer soll sich aber nicht mehr gemeldet haben. Der bestreitet nach Informationen des Tageblatts diesen Anruf nicht, behauptet laut Prozessunterlagen aber, er habe von dem Journalisten lediglich die Kontaktdaten der Fußballer erbeten. Eine Anfrage bei dessen Anwalt Jan Smollich blieb gestern ohne Ergebnis.

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