Flensburger Stadtpräsidentin : Weltbürgerin Swetlana Krätzschmar

Die Ukrainerin Swetlana Krätzschmar: „Ich bin aus einer anderen Welt gekommen.“
Die Ukrainerin Swetlana Krätzschmar: „Ich bin aus einer anderen Welt gekommen.“

Griechisch-polnische Vorfahren, Geburtsort Ukraine, Muttersprache Russisch, Mann aus der DDR – Swetlana Krätzschmars Leben könnte kaum internationaler sein. Heute ist sie Stadtpräsidentin von Flensburg.

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07. Dezember 2014, 10:40 Uhr

Flensburg | Unter etwa drei Millionen Russischsprachigen in Deutschland ist Swetlana Krätzschmar (geb. Puschkarewskaja) eine der wenigen erfolgreichen Politiker. Die 60-Jährige ist die erste Stadtpräsidentin (seit Juni 2013) in Schleswig-Holstein mit sowjetischen Wurzeln.

„Wenn die kleine Swetlana etwas interessiert hat, dann war sie bereit, alles zu tun, um es zu verstehen“, erinnert sich die Frau an die eigene Jugend. Ihre Mutter war Lehrerin für Russisch und Literatur und der Vater Lehrer für Philosophie und Geschichte. Aus der Kindheit stammt ihre Weltoffenheit: „In meiner Heimatstadt Nikolajew lebte ich unter verschiedensten Nationalitäten und Religionen. Meine beste Freundin ist Jüdin, die heute in New York wohnt.“

Am stärksten geprägt wurde Swetlana Krätzschmar vom 2. Weltkrieg. „Ich bin aufgewachsen in einer Baracke, die deutsche Kriegsgefangenen gebaut haben. Für mich als Kind war das unvorstellbar, dass die Menschen, die alles zerstört haben, trotzdem ein Haus gebaut haben.“ Ihre Mutter war zehn, als die Nazis kamen. Die Großmutter wurde zum Tode verurteilt und dann begnadigt. „Mein Vater wurde in Kaukasus verwundet und hatte Granatensplitter im Kopf, an den Folgen ist er letztendlich gestorben, weil man die nicht herausoperieren konnte.“

Nach dem Schulabschluss mit Goldener Medaille (die höchste Würdigung in der UdSSR) ging Swetlana an die Uni in Charkiw (Ostukraine), Fakultät für Mechanik und Mathematik. „Ich war fasziniert von Astrophysik, und diese kann man nicht verstehen, wenn man schlecht in Mathematik ist.“ In ihrer Gruppe studierte unter zahlreichen Ausländern auch Michael Krätzschmar aus der DDR. Das Studium im Ausland war für ihn die einzige Möglichkeit, sich der Verpflichtung zum Dienst in der Volksarmee zu entziehen. „Michael sagte, er möchte nie an der Mauer Dienst tun. Sein Vater, der gleiche Jahrgang wie meiner, kam auch verwundet aus dem Krieg zurück.“

Am Ende des Studiums haben Swetlana und Michael geheiratet. „Mich faszinierte immer seine Offenheit, über alles sprechen zu können. Das war für mich wie eine neue Welt.“ Michael sollte in die DDR zurückkehren, und im August 1977 zogen die jungen Leute nach Dresden. „Das Rektorat war damit unzufrieden. Man warf mir vor: Der Staat hat dich ausgebildet und du willst so undankbar abreisen. Man hat versucht zu verhindern, dass ich meinen Abschluss erhalte.“

Die erste Arbeitsstelle für Swetlana und Michael in der DDR war das Rechenzentrum eines Stahlwerks nahe Dresden. 1978 kam die erste Tochter zur Welt. Heute wohnt Eleonore in Glücksburg und hat eine Familie mit zwei Kindern.

Swetlanas Ausreise hat ihre Angehörigen anfangs schockiert. „Meine Mutter fragte: Konntest du nicht unter den Millionen Männern in der Sowjetunion einen Partner finden?“ Der Freundes- und Kollegenkreis der Eltern hat die Ehe feindlich aufgenommen. „Manche haben meinen Vater nicht gegrüßt, weil er seine Tochter nicht  treu dem Vaterland erziehen konnte.“

Als die Sowjetunion 1978 nach Afghanistan einmarschierte, war das für Swetlana Krätzschmar „ein Stück Bruch“ ihres Verständnisses der UdSSR als eines friedlichen Staates. „Nach einem Reifungsprozeß haben wir verstanden, dass wir diesem sozialistischen Lager nicht angehören wollen.“ 1982 stellte Swetlana am sowjetischen Konsulat in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) einen Antrag, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit (aber nicht die der DDR!) annehmen möchte. Zwei Jahre danach bekam sie ihre Ausbürgerung mit Verlust des Rechtes, jemals in die UdSSR einreisen zu dürfen. Auch zur Beerdigung ihres Vaters konnte sie nicht fahren. „In der DDR war ich staatenlos und sagte, dass ich dieses Land verlassen möchte.“ Es begann „eine harte Zeit der Ungewissheit“. Michael bekam eine Einberufung in die NVA. „Er hat das verweigert, und ich hatte für ihn bereits eine Tasche für das Gefängnis gepackt.“

Swetlana und Michael haben sich nicht einschüchtern lassen: „Wir müssen da gemeinsam durch!“. 1986 durfte die Familie endlich ausreisen. Sie kam zunächst nach Gießen in ein Aufnahmelager und dann nach Darmstadt, wo das Ehepaar in einer Computer-Firma arbeitete. 1989 bekam Michael eine Stelle an der Fachhochschule Flensburg. Hier an der Förde wurde später   die zweite Tochter, Elisabeth, geboren. Die heute 23-Jährige studiert Mathematik, Statistik und Wirtschaft in München.

In der Schule lernte Swetlana Russisch als erste und Ukrainisch als zweite Muttersprache, Englisch war Fremdsprache. Deutsch kam am Herder-Institut in Leipzig dazu. Heute unterrichtet sie Russisch für Anfänger und lernt selbst noch Dänisch.

 „Ich bin Weltengängerin. Ich bin aus einer anderen Welt gekommen. Das erkennt man natürlich an meiner Sprache. Ich kann in den Augen nicht nur die Freude lesen. Aber die Umgebung soll sich nicht nach mir richten. Nur die Offenheit hilft, die Menschen zu gewinnen.“

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