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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 06:17 Uhr

Was folgt den Luftschloss-Fabrikanten?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Jahr nach der Räumung der Harniskaispitze trauern die früheren Siedler dem Gelände nach – und die Stadt hat fast alle Ideen verworfen

von
erstellt am 03.Feb.2017 | 20:02 Uhr

Wut und Trauer steht auf dem roten Banner. Wut und Trauer begleiten viele der jungen Männer und Frauen, die gestern von der Hafenspitze bis zur Harniskaispitze ziehen. Kinder, Hunde, Fahrräder und Musik sind dabei, und bei manchem Mitläufer eben auch Bauchschmerzen. Der eine oder die andere betritt die alte Heimstatt auf einem der schönsten Flensburger Fleckchen zum ersten Mal, seit die Stadt vor einem Jahr Gebäude und Bauwagen der Besetzer mit schwerem Gerät räumen und die Fläche dem Erdboden gleich machen ließ.

Der Tross am Jahrestag „soll auch zeigen, dass wir immer noch da sind“, erklärt Sarah Leichnitz, die seinerzeit als Sprecherin der Luftschloss-Fabrik fungierte. „Es ist herzzerreißend, wie viel Potenzial zerstört wurde, ohne eine Alternative zu schaffen“, beklagt die 25-Jährige und hat das Gefühl, „dass das, was man aufgebaut hat, nicht gewollt ist“. Auch wenn sie aus persönlichen Gründen in den Hintergrund getreten ist, verurteilt sie die „Brutalität des Vorgehens“ und nicht gehaltene „Versprechen der Stadt“. Vergeblich waren die Verhandlungen über einen Ausweichplatz, ausgerechnet im Winter und kurzfristig kam die Räumung, kritisiert Leichnitz.

Das Kulturprojekt Luftschlossfabrik war etwas selbst Geschaffenes, sagt die 25-Jährige, sollte sozial und solidarisch sein. Es sei „so viel mehr“ als die Bauwagen, betont der 23-jährige Jasper und nennt Konzerte. Zudem gab es Kunst- und Kreativ-Werkstätten von Holzbildhauerei bis Siebdruck, Hochbeete und chilenischen Lehmofen. Die politische Arbeit setzten die meisten in anderen „libertären“ Projekten fort, Luftschlössler arbeiteten mit Gleichgesinnten vom Hafermarkt zusammen. Jasper war wie ein paar Mitstreiter nach der Räumung zunächst auf die Europawiese ausgewichen, dann an den Friedensweg gezogen. Ein anderer junger Mann erzählt, manche der Luftschloss-Leute seien ganz weggezogen. Am Friedensweg stünden jetzt acht Bauwagen auf gepachtetem Terrain. In einer Pressemitteilung der Luftschlossfabrik heißt es: „Die jetzige Brache zeigt uns nur einmal mehr, dass es keinen Sinn hat, sich mit den bestehenden politischen Verhältnissen zu versöhnen.“

Ein Flensburger Politiker hat sich unter die 40, 50 Leute gemischt. Die Räumung vor einem Jahr nennt Rasmus Andresen, der für die Grünen im Landtag sitzt, „überflüssig“. Seiner Meinung nach hätte man besser nach einer Verwendung für die Harniskaispitze suchen können, während man die Bewohner dort belasse. Andresen hegt Sympathie für eine bunte Kulturszene und weiß um die hohen Erwartungen an die neue Oberbürgermeisterin.

Sarah Leichnitz zweifelt an den ernsthaften Absichten der Entscheider. Sie versteht nicht, warum die sechsstellige Summen für die Räumung und weiteres Geld für Ideenwettbewerbe investieren, die Umsetzung guter Ideen aber nichts kosten dürfe.

Tatsächlich habe der Planungsausschuss im Sommer beschlossen, dass die Stadt nicht für die Realisierung der Zwischennutzung aufkommt. Die Erwartungshaltung sei eine andere gewesen, sagt Clemens Teschendorf im Rückblick. Ein Ideenwettbewerb mit „richtig vielen tollen Ideen für die Zwischennutzung“ habe 78 Vorschläge hervorgebracht; davon seien inzwischen nur noch zwei im Rennen und in der „Vorplanung“: Openair-Musik und Gastronomie. Mit der Zwischennutzung habe es leider nicht geklappt, resümiert der Stadtsprecher, das Ziel für das Gebiet bleibe indes weiterhin „Leben und Arbeiten am Wasser“, wobei den Bürgern Freiräume und freier Zugang gewährt werden solle. Betraut mit den aktuell laufenden „vorbereitenden Untersuchungen Hafen-Ost“ ist der Sanierungsträger (FGS – Flensburger Gesellschaft für Stadterneuerung).

Die Luftschlössler befürchten, dass das Ödland an der Harniskaispitze lange eines bleibt. „Wir waren offen für jeden, der vorbeikommt“, sagt Sarah Leichnitz, die Brache nütze jetzt niemandem.

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