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Kommunalpolitik : "Warum machen Sie das eigentlich?"

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Kommunalpolitiker wünschen sich eine Kinderbetreuung während der Sitzungen - denn die Dreifachbelastung macht vielen den Gang in die Politik unmöglich.

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erstellt am 16.Aug.2013 | 09:21 Uhr

Flensburg | Die Ratsversammlung tagt nur etwa zehn Mal im Jahr. Doch manche Ausschüsse kommen im 14-Tage-Rhythmus zusammen. Dazu kommen wöchentliche Fraktionssitzungen, öffentliche Termine, Sitzungen weiterer städtischer Gremien und Arbeitsgruppen, nicht zu vergessen die Hausaufgaben, also das Studium der zu beratenden Vorlagen. Und das Ganze in der Regel neben Beruf und Familie - kein Wunder, dass die Parteien Probleme haben, qualifizierten Nachwuchs für die kommunalpolitische Arbeit zu finden. "Warum machen Sie das eigentlich?", werde sie bisweilen gefragt, sagt die Grünen-Ratsfrau Ellen Kittel-Wegner.
Rund 20 Stunden pro Woche wendet sie für ihre Arbeit in der Politik auf. Dazu kommt eine volle Stelle auf dem Campus und die Familie mit zwei Kindern (17 und neun). "Der Zeitaufwand ist definitiv eine Belastung", sagt sie. Auf 15 bis 16 Stunden schätzt Ratskollege Christian Dewanger (WiF) seinen Zeiteinsatz - nach dem Ende seiner Tätigkeit als Stadtpräsident.

Dreifachbelastung mit Beruf und Familie

"Die Bereitschaft zu kandidieren, wird immer geringer", beobachtet Stephan Kienaß (SPD), der schon lange im Rathaus mitmischt. Vor allem für Menschen, die in der "Familienphase" sind, sei es schwierig, ein kommunalpolitisches Engagement mit den Bedürfnissen der Familie zu vereinen. Thomas Dethleffsen (CDU) hat seit 2008 den mit der Politik verbundenen Zeitaufwand sukzessive gesteigert. "Das geht nur, weil ich Unternehmer bin und meine Mitinhaber das dulden", sagt er - ohne zu verschweigen, dass auch seine Frau ihm den Rücken frei hält.
Den 43 Ratsmitgliedern und all den bürgerschaftlichen Vertretern wird viel abverlangt. Allein in den neun Fachausschüssen sind 96 Positionen zu besetzen, Stellvertreter nicht mitgerechnet. "Der hohe Zeitaufwand und der politische Ertrag stehen in einem Missverhältnis", heißt es in der Vorlage, die am Dienstag im Hauptausschuss behandelt wurde. Und: "Die Vereinbarkeit des Mandats mit Beruf und Familie ist stark eingeschränkt." Trotz "ansehnlicher Sachpolitik" sei das Ansehen der Kommunalpolitik in der Öffentlichkeit "suboptimal".

Kinderbetreuung während der Ausschuss-Sitzungen gefordert

Ellen Kittel-Wegner, die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, begrüßt die Idee einer Kinderbetreuung während der Ausschuss-Sitzungen. "Das kann ja in einer bestehenden Einrichtung in der Nähe des Rathauses sein", sagt sie. Wenn sie Personen im Bekanntenkreis anspreche, um sie für die Kommunalpolitik zu erwärmen, höre sie oft als Antwort "Zu euren Zeiten muss ich mich doch um die Kinder kümmern!"
Sowohl Christian Dewanger als auch Stephan Kienaß müssen sich, wenn man sie zu Hause anruft, während des Telefongesprächs mit einer Hand um die mehr oder weniger quengelnde Tochter kümmern. Dewanger hat jetzt mehr Zeit für die Familie, da er als Stadtpräsident schon fast rund um die Uhr im Einsatz war. Auch Papa Kienaß kann sich eine Kinderbetreuung im oder am Rathaus gut vorstellen.

Schlechtes Image

Und was ist mit dem Ansehen? "Das Negativimage, das man als Politiker hat, ist schon sehr stark", meint der SPD-Mann und findet das ungerecht. "Ihr Politiker seid doch alle gleich!", hört Ellen Kittel-Wegner hin und wieder, "ihr wollt euch doch nur bereichern." Kann man sich mit 248 Euro pro Monat bereichern? So hoch ist die Aufwandsentschädigung eines Ratsmitglieds; Fraktionschefs bekommen für ihren deutlichen Mehraufwand immerhin 800 Euro.
Als Kommunalpolitiker steht man in der Öffentlichkeit - damit muss man leben, sagt Thomas Dethleffsen. Für ihn sei das keine so große Belastung: "Ich streite und diskutiere gern." Auch könne er damit leben, dass das Ansehen eines Kommunalpolitikers weit unten sei: "Das erdet einen."

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