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Flensburg : Warum ein perfekt integrierter Flüchtling seine Familie nicht nachholen kann

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Husein Alali ist Deutschlehrer und hat einen festen Job. Doch das Verfahren ist kompliziert. Seinen Sohn hat er noch nie gesehen.

Flensburg | Er hat Hasan noch nie im Arm gehalten, ihn noch nie gehört. Alles was Husein Alali von seinem sieben Monate alten Sohn hat, sind ein paar Bilder auf dem Tablet, die einen Jungen in Jeans-Latzhose zeigen, der ein etwas gequältes Lächeln im Gesicht hat. „Ich habe am 13. August Syrien verlassen, genau drei Monate später wurde mein Sohn geboren“, sagt Alali. 23 Tage dauerte die Flucht des 31-Jährigen. Seit er die Anerkennung als Flüchtling hat, versucht er seine Frau und die beiden Kinder nach Flensburg zu holen – ohne Erfolg.

Die Bundesregierung rechnet einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge mit einer Gesamtzahl von 3,6 Millionen Flüchtlingen bis 2020. Demnach wird damit gerechnet, dass zwischen 2016 und 2020 jährlich durchschnittlich eine halbe Million Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden, wobei die jährliche Zahl schwanken könne. Das wären 2,5 Millionen weitere Flüchtlinge - zusammen mit den 1,1 Millionen aus dem Jahr 2015 ergibt sich die Zahl von 3,6 Millionen.

Alali will sich darüber nicht aufregen, er ist ruhig und bescheiden. „Aber manchmal frage ich mich, warum das nicht schneller geht“, sagt der Mann, der eine Art Vorzeigebeispiel für einen integrierten Flüchtling ist. „Ich habe eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung. Meine Frau und ich haben als Deutschlehrer in Syrien gearbeitet, ich habe einen festen Job, verdiene gut, kann eine Wohnung für mich und meine Familie mieten und sie versorgen, ohne den Staat zu belasten“, erklärt er in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent.

Wenn ein anerkannter Flüchtling seine Familie aus Syrien nachholen will, geht das in Deutschland über das Auswärtige Amt (AA). „Ich muss einen Termin in einer deutschen Botschaft oder einem Konsulat für meine Familie machen, damit sie dort ein Visum für Deutschland beantragen kann“, sagt Alali. Da es in Syrien keine deutsche Botschaft gibt, hat er es in Jordanien und im Libanon probiert. „In Amman könnte ich vielleicht in den kommenden Monaten einen Termin bekommen, in Beirut erst im Juni 2017“, sagt er – und wirkt dann doch etwas niedergeschlagen. Denn selbst wenn seine Familie dort vorstellig werden kann, könne es Monate dauern, bis das Visum bewilligt sei.

„Wenn alle Unterlagen vorliegen, geht das in der Regel innerhalb von wenigen Tagen“, versucht der Sprecher des AA, Martin Schäfer, zu beruhigen. Alali tippt auf sein Tablet und sagt: „Die sind alle hier drin.“ Möglicherweise könnte ihm das auch zu einem früheren Termin verhelfen, heißt es dazu aus dem AA, das von den Anträgen überrollt worden ist. Allein im Libanon habe sich die Zahl der erteilten Visa im Vergleich zu 2012 versechsfacht, so Schäfer. „Wir haben in der Botschaft Beirut wie anderswo auch Wartezeiten von mehreren Monaten.“

Seit Beginn des Krieges in Syrien habe das AA die Auslandsvertretungen in der Region – von Beirut bis Istanbul, von Kairo bis Erbil im Nordirak – kontinuierlich und massiv mit Personal verstärkt. Es werde im Schichtbetrieb und am Wochenende und „mit Hochdruck“ an einem weiteren Ausbau der Kapazitäten zur Annahme von mehr Anträgen gearbeitet. Allerdings gebe es Grenzen, das habe bauliche, aber auch sicherheitstechnische Gründe.

„Die Situation für die Menschen ist dramatisch, die Verfahren dauern viel zu lange“, kritisiert Martin Link vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. Die Anträge für Termine in den Botschaften werden online gestellt. „Die sind aber häufig abgeschaltet.“ Gleichzeitig steige die Gefahr für Angehörige der Flüchtlinge, die ihre Familien nach Deutschland holen wollen. „Viele verlieren dann die Geduld, steigen in Schlauchboote und riskieren ihr Leben“, sagt Link, der einen „Regelungsbedarf“ bei den deutschen Botschaften anmahnt.

Husein Alali sagt, dass er bei seinem Aufbruch in Syrien daran geglaubt habe, seine Familie schneller wiederzusehen. Seine zweieinhalbjährige Tochter Nouresham hat inzwischen sprechen gelernt, bis auf ein paar kleine Videoschnipsel, die ihm seine Frau Alaa übers Internet geschickt hat, hat er davon nichts gehört. Husein Alali schickt seiner Familie einen Großteil seines Gehalts, das er als Übersetzer und Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit verdient – „damit sie überleben können“. Dabei könnte seine Frau in Deutschland ebenfalls einen Job finden, Menschen, die arabisch und deutsch sprechen, werden gesucht.

Beide haben sich in Damaskus kennengelernt, Germanistik studiert, als Deutschlehrer gearbeitet. „Doch die Umstände waren nicht gut“, sagt Husein Alali, deshalb habe er beschlossen, allein nach Deutschland zu fliehen und später seine Familie nachzuholen. Er könnte jetzt von einer dramatischen Flucht über den Libanon und die Türkei berichten, davon dass das Schlauchboot, das ihn und 50 andere Flüchtlinge nach Griechenland bringen sollte, völlig überladen war. Dass das Wasser dort kniehoch stand, das Boot zu sinken drohte. Dass ihm die Küstenwache das Leben rettete, dass er über die Balkanroute bis nach Schleswig-Holstein kam und er für die gesamte Flucht 2700 Euro bezahlt hat. Er könnte sagen, dass seine Familie in Lebensgefahr ist, aber er sagt nur: „Es gibt Orte in Syrien, wo es gefährlicher ist.“ Er sagt aber auch, dass er den Einschlag von Bomben höre, wenn er mit seiner Frau telefoniert. „Aber nicht so oft.“

Dass es für Syrer schwer ist, das Land zu verlassen und eine deutsche Botschaft in einem Nachbarstaat zu erreichen, gibt auch Martin Schäfer vom AA zu. Martin Link hält das für weit untertrieben: „Da wird an manchen Grenzen scharf geschossen.“

Husein Alalis Familie könnte es in den Libanon oder nach Jordanien schaffen, sagt der Flüchtling – wenn sie einen Termin bekämen. Der Familienvater hofft nur auf eines: Frau und Tochter wiederzusehen und seinen Sohn in die Arme zu schließen – zum ersten Mal.

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erstellt am 15.Jun.2016 | 20:34 Uhr

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