Wann ist Gesundheit gerecht?

Viele Perspektiven: (v.l.) Gesundheitsethikerin Andrea Dörries, die Pastoren Andreas Eilers und Michael Brems sowie Zeichner Kim Schmidt.
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Viele Perspektiven: (v.l.) Gesundheitsethikerin Andrea Dörries, die Pastoren Andreas Eilers und Michael Brems sowie Zeichner Kim Schmidt.

Spannende Diskussion mit Medizin-Ethikern am Buß- und Bettag in der Diako

shz.de von
17. November 2016, 12:52 Uhr

„Im Bereich Gesundheit müsste es solidarisch zugehen“, findet Michael Brems, als es in der Diskussion um Privat- und gesetzlich Krankenversicherte geht. Pastor Brems von der Koordinierungsstelle für Krankenhausseelsorge bezeichnet eine „Privatisierung im Bereich einer Grundversorgung als Sündenfall“.

„Gerecht behandelt un(d) gerecht verteilt?“ heißt die Veranstaltung am Buß- und Bettag, zu der das Ethikreferat der Diako und das sh:z-Medienhaus gestern in die Diako eingeladen hatten. Unser Gesundheitswesen gehöre zu den besten der Welt, hebt Rektor Wolfgang Boten eingangs hervor. Um gleich einschränkend die Frage aufzuwerfen: „Wie wollen wir unser Gesundheitssystem künftig finanzieren, wenn etwa eine neue Chemotherapie täglich 4000 Euro kostet?“ sh:z-Chefredakteur Stefan Kläsener verdeutlicht das Thema Versorgungsgerechtigkeit an den Nordsee-Inseln: „Dort zahlen die Menschen den gleichen Krankenkassenbeitrag, haben aber nicht die gleiche Versorgung.“ Von den „Erfahrungen eines Patientenvertreters“ berichtet Patientenombudsmann Pastor Andreas Eilers. Und schildert eine wahre Odyssee eines Patienten mit unaufhörlichem Nasenbluten zwischen mehreren Arztpraxen und Notaufnahmen – die von früh morgens bis spät in die Nacht dauerte. „Gerecht ist, wenn mindestens das Notwendige gemacht wird“, sagt Eilers. Es komme leider öfter vor, dass dies nicht geschehe.

Andrea Dörries, Kinderärztin und Gesundheitsethikerin aus Hannover, berichtet, wie im Gesundheitswesen rationiert oder rationalisiert werden könne: Personaleinsparungen seien vor allem in der Pflege in den vergangenen Jahren zum Problem geworden. Dringlichkeit und Prognose seien wichtige Stichworte: „Ein Notfall schlägt in der Klinik alles, aber was ist, wenn die Prognose schlecht ist“, fragt sie. Welche Lebenserwartung müsse jemand haben, damit er noch bestimmt Leistungen erhalte? In England liege die Altersgrenze für künstliche Hüftgelenke bei 65 Jahren. Gleichheit sei längst nicht die einzige Vorstellung von Gerechtigkeit. „Gerecht ist, womit der größte Nutzen für die größte Gruppe erzieht wird“, eine andere. Und ob ein Patient dem Personal sympathisch ist, sei nicht irrelevant. Neu sei, dass das Bewusstsein der Kosten mit der Fallpauschale aus der Vorstandsetage in die unterste Ebene vorgedrungen sei. Cartoonist Kim Schmidt begleitete die Diskussion mit pointierten Zeichnungen.

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