Zivile Nutzung noch geplant? : Wachsende Zweifel am Jagel-Airport

Die Grafik zeigt, wie es aussehen könnte, wenn die zivile Luftfahrt Kurs auf Jagel nehmen würde. Derzeit scheint eine Realisierung aber in weite Ferne gerückt. Foto: pt
Die Grafik zeigt, wie es aussehen könnte, wenn die zivile Luftfahrt Kurs auf Jagel nehmen würde. Derzeit scheint eine Realisierung aber in weite Ferne gerückt. Foto: pt

Initiatoren einer zivilen Mitnutzung des Flugplatzes Jagel drohen mit Aufgabe. Sie üben Kritik an der restriktiven Haltung des Verteidigungsministeriums.

Avatar_shz von
02. Januar 2011, 07:00 Uhr

Schleswig-Flensburg | Ginge es nach der Ursprungsplanung der Airgate SH, wären längst die ersten Ferienflieger von Jagel aus in Richtung Süden gestartet. Statt dessen herrscht Stillstand. Und nicht nur im Umfeld des Militärflugplatzes glaubt inzwischen kaum mehr jemand, dass die zivile Mitnutzung Realität wird. Auch in der Geschäftsführung der Airgate mehren sich Zweifel, ob die militärische Seite überhaupt noch gewillt ist, Zivilflüge auf dem eigenen Areal zu tolerieren.
Seit sechs Jahren verfolgt die Airgate SH ihre Pläne für eine zivile Mitnutzung des Militärflugplatzes Jagel, fast ebenso lange kämpft die Gesellschaft um die Geschäftsführer Arne Hansen und Dietrich Wachtel um Planungssicherheit. Nachdem im Jahr 2005 ein Vorvertrag mit dem Bund unterschrieben worden war, trieb die Gesellschaft ihr Projekt voran. Eine Machbarkeitsstudie entstand, ein Luftsicherheitsgutachten wurde erstellt und Investoren wurden gefunden, die nach Angaben der Airgate noch immer gewillt sind, das Projekt mit Summen von um die 70 Millionen Euro umzusetzen.
Gewerbegebiet und Hotel geplant
Ein angedocktes Gewerbegebiet war geplant, von einem Airporthotel war die Rede. Alles, so argumentieren Wachtel und Hansen auch immer wieder gegen den zwischenzeitlich organisierten Widerstand (Bürgervereinigung gegen die zivile Nutzung Jagels, GZNJ), um der Region wirtschaftliche Impulse zu verleihen. Doch in der Bürokratie des Verteidigungsministeriums rennen die Visionäre aus dem Norden nach eigenem Empfinden gegen die Wand.
Das Problem ist der Mitbenutzungsvertrag, dessen Entwurf im vergangenen Sommer bei der Airgate einging. Darin weicht das Verteidigungsministerium nach Angaben Wachtels in elementaren Punkten von den Klauseln des Vorvertrages ab, und zwar derart, dass sich kein Investor auch nur annähernd damit anfreunden könnte, in das Projekt Millionensummen zu stecken. Alle Risiken, so heißt es bereits in einem Memorandum an Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und den zuständigen Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey aus dem März 2010, würden vom Verteidigungsministerium zu Lasten der Airgate festgeschrieben.
"Absolut kontraproduktiv"
Restriktive Regelungen für den Spannungs- und Verteidigungsfall seien selbstverständlich. Eine Ausweitung der restriktiven Grundhaltung auf den reinen Friedensflugbetrieb - also auch auf Übungen und Manöver - sei aber "absolut kontraproduktiv", heißt es in dem Papier, das der Redaktion vorliegt. Die Landesregierung wird darin aufgefordert, ihren Einfluss in Bonn geltend zu machen, um zu einer Gleichgewichtung der planerischen Risiken des Militärs mit den investorischen Risiken der Airgate zu gelangen. Bleibe diese eindeutige politische Entscheidung aus, "wird die Airgate trotz aller bereits erbrachten Vorleistungen, auch im finanziellen Bereich, alle weiteren Aktivitäten einstellen müssen".
Dass die Airgate ihre Aktivitäten bis heute nicht eingestellt hat, deutet darauf hin, dass im Verteidigungsministerium Verhandlungsbereitschaft signalisiert wurde, zumindest auf Staatssekretärsebene. Wachtel: "Oben will man, aber im Mittelbau des Ministeriums sagt man sich offenbar: Wir bleiben lieber unter uns." Entsprechend fielen wohl auch die dort gefertigten Vorlagen für die Entscheidungsträger aus, befürchtet der Airgate-Geschäftsführer.
"Hier wird ein Pferd zu Tode geritten"
Auch die politische Unterstützung mag die Airgate zum Weitermachen bewegt haben. So versucht beispielsweise der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen hinter den Kulissen immer wieder, auf das Verteidigungsministerium einzuwirken. Inzwischen ist auch der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige Politikberater Otto Bernhard (ebenfalls CDU) aus Rendsburg mit am Ball. Beide sehen Realisierungschancen vor allem für das ursprünglich als zweites Standbein geplante Vorhaben einer Reparaturwerft für Flugzeuge in Jagel.
Investoren stünden bereit, sagen beide, verweisen jedoch ebenfalls auf den noch nicht unterschriebenen Mitbenutzungsvertrag und ein zweites Problem, mit dem sich die Airgate plagt: die Weigerung der Militärbürokratie, Grund und Boden außerhalb des eigentlichen militärischen Bereichs zwischen Zaun und Bundesstraße 77 an die Investoren zu verkaufen - eine Bedingung dafür, dass die Geldgeber ihre Investitionen im Grundbuch absichern können.
Während Airgate-Geschäftsführer Wachtel die Realisierungschancen für die zivilen Mitnutzung des Flugplatzes derzeit auf 60:40 taxiert, ist Otto Bernhard vorsichtiger: "50 zu 50". Davon ist man im Amt Haddeby und bei den Gegnern des Projektes inzwischen weit entfernt. GZNJ-Vorsitzender Berthold Diestel erinnert daran, dass sich die Lage der Regionalflughäfen bundesweit verschlechtert habe und das ganze Verfahren inzwischen viel zu lange gedauert habe. Amtsvorsteher Ralf Feddersen erklärt, es habe seit über einem Jahr keine persönlichen Kontakte mehr von Seiten der Airgate gegeben. Er habe seine Erwartung an das Projekt "auf Null geschraubt". Der Leitende Verwaltungsbeamte Knud Hansen formuliert es so: "Ein Pferd, das lange geritten wird, wird klapprig. Hier wird ein Pferd zu Tode geritten."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen