Wohnungsmarkt : VSG-Pleite: Mieter tappen im Dunkeln

Verworrene Verhältnisse:  Die Mieter der VSG-Objekte – hier in Fruerlund – haben viele Fragen, aber es gibt nur wenige Antworten. Foto: Euler
Verworrene Verhältnisse: Die Mieter der VSG-Objekte – hier in Fruerlund – haben viele Fragen, aber es gibt nur wenige Antworten. Foto: Euler

Vor gut einem Jahr flackerte das Licht, jetzt ist es zappenduster bei den Mietern der VSG. Die Immobiliengesellschaft mit 500 Wohnungen in Flensburg ist insolvent.

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16. September 2009, 12:09 Uhr

Flensburg/Büdelsdorf | Es ist eine große Pleite. Branchenkenner taxieren den Wohnungsbestand auf gut 100 Millionen Euro, mit dem die landesweit tätige VSG in die Insolvenz gegangen ist. Vorher hat sie anscheinend noch einiges mitgenommen. Kautionen zum Beispiel.

Inge Andersen (Name von der Redaktion geändert) hats durch Zufall erfahren. "Das war so im März", sagt die Flensburgerin. "Im Hausflur." Zwischen Tür und Angel habe ihr der Hausmeister mitgeteilt, dass ihr Vermieter pleite ist. "Und meine 700 Euro Kaution?", fragte sie noch. "Sind futsch!", sagte der Hausmeister.

Inge Andersen ist nicht der Regelfall. Aber ganz allein ist sie auch nicht. "Ja", bestätigt Hendrik Gittermann. "Da sind wohl auch Kautionen verschwunden. Wir können noch nicht sagen, wie groß das Ausmaß des Schadens ist."

Der Hamburger Insolvenzverwalter arbeitet seit 1. November vergangenen Jahres an der Hinterlassenschaft der VSG-Töchter in Hamburg, Lübeck, Kiel, Rendsburg und Flensburg. Und das ist kein einfaches Unterfangen. Denn die Unternehmensstruktur ist kompliziert.
Wohnungsmarkt als Minenfeld
Da sind zum einen die fünf Töchter als Besitzerinnen der Immobilien, darüber steht eine deutsche Mutter und darüber noch einmal eine dänische Holding. Und alle sind insolvent.

Wahrhaftig ein Minenfeld. "Das ist keine Kleinigkeit", sagt Gittermann. Schon gar nicht in diesen Zeiten. Da sind Großbanken in Frankfurt und Kopenhagen, die das Geschehen ganz genau verfolgen. Und da sind 2000 nicht minder argwöhnische Mieter, die mit dem Namen VSG in erster Linie Ärger verbinden.

Mieter wie Klaus und Hannelore Knutzen (Namen von der Redaktion geändert). Über 40 Jahre wohnen sie in ihren dreieinhalb Fruerlunder Zimmern. Erlebten, wie die Landesbediensteten-Wohnung von der Simonis-Regierung meistbietend verkauft wurde und danach den Niedergang. "Es wurde immer nur schlimmer", sagt Klaus Knutzen.

Mit der VSG hat er schon so einiges erlebt. Das mag erklären, warum bei der Kieler Wirtschaftsstaatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen laufen. Bevorzugt traten Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen der Nebenkosten auf. Vor einem Jahr drohten die Stadtwerke den Strom abzuschalten, weil die VSG die Abschlagszahlungen der Mieter nicht weiterleitete, sondern selbst behielt.

Oder Gärtnerdienste. Die wurden doppelt kassiert. Und dafür, kommentiert Knutzen gallig, kam der Gärtner in anderthalb Jahren genau drei Mal zum Mähen. Spaßeshalber rechnete er den Stundenlohn aus: 300 Euro - immerhin. Dass zwei identische Häuser sehr unterschiedlich mit Müllgebühren belastet werden, findet er auch nicht komisch. Oder dass bei der Berechnung des Betriebsstroms zwischen diesen zwei Häusern eine Differenz von 748 Euro klafft. "Da brennen nur sechs Glühbirnen. Ich verbrauche mit meinem ganzen Haushalt weniger ."

Für den Insolvenzverwalter hat das zur Folge, dass die Aufarbeitung der VSG-Pleite durch eine Vielzahl von juristischen Querschlägern durchsiebt wird. Da werden wegen der maroden Bausubstanz Mieten gekürzt, da laufen Widersprüche gegen Abrechnungen, da gibt es das Ermittlungsverfahren, da fehlen wichtige Akten. "Wir konnten in einer Vielzahl von Fällen nicht feststellen, wo Ansprüche seitens der Mieter bestehen", sagt Gittermann. Auch diese Betroffenen sind Gläubiger und müssten benachrichtigt werden. In etlichen Fällen, räumt Gittermann ein, sei das wegen der Unübersichtlichkeit der Baustelle VSG noch nicht geschehen. "Wir arbeiten jeden Vertrag durch, und wer als Gläubiger in Frage kommt, wird angeschrieben", verspricht er.

Auf der anderen Seite gebe es auch Fälle, in denen die VSG Ansprüche erhebe. Auch hier seien Verfahren gelaufen - aber Gittermann hat die Devise ausgegeben, großzügig zu verfahren. "Wir stellen lieber mal ein, als Ansprüche durchzusetzen."

Im Moment also ist bei der VSG der Mieter König. "Wir wollen sanieren und Wertsteigerungen erzielen", sagt der Insolvenzverwalter. Das kostet Geld. Und Geld, das weiß er auch, lässt sich nur mit zufriedenen Mietern verdienen.

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