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Verplant, Verworfen, Verhindert : Vorhaben in Flensburg: Vollgas mit angezogener Handbremse

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Aus der Onlineredaktion

Die Stadt will viel, macht bei Plänen aber gerne Rückzieher, stellt sich quer oder ist unnötig kompliziert. shz.de zeigt ein paar Beispiele.

Flensburg | In Flensburg gibt es immer wieder lange Dramen um kleinere und größere Projekte, umstrittene und viel diskutierte Entscheidungen und überraschende Wendungen. Die Stadt Flensburg beweist dabei oft einen langen Atem. Einige Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit:

Da ist der Wurm drin: Bellevue

Der Dornröschenschlaf ist vorbei: Seit letzter Woche steht das Baugerüst – das Bellevue wird grundsaniert.
Der Dornröschenschlaf ist vorbei: Seit letzter Woche steht das Baugerüst – das Bellevue wird grundsaniert. Foto: Dewanger
 

Die lange Leidensgeschichte des Bellevue beginnt im Juli 2009, als die damaligen Betreiber Insolvenz anmelden. Eine Auffanggesellschaft übernimmt das an sich profitable Restaurant in bester Lage an der Flensburger Hafenspitze, das zu diesem Zeitpunkt bereits 16 Jahre besteht. Der Betrieb geht weiter, es gibt Pläne für die Modernisierung und Erweiterung im Jahr 2010: Von öffentlichen Toiletten bis hin zum Neubau der Wasserterrasse ist alles mit der Stadt abgesprochen. Ein Jahr später, im Juni 2010 gibt es jedoch kaum Bewegung. Komplizierte Verträge nach der Insolvenz sorgen für Baustopps, Irritationen um das Erbbaurecht und verschiedene Interessen. Dann kommt im Jahr 2013 die erneute Insolvenz.

2014 kommt der Streit zwischen dem neuen Investor, Frank Dieter Cohrt, und der Stadt ans Tageslicht. Es geht um einzelne Pacht-Parameter, Rückbauforderungen der Stadt und den Bau öffentlicher Toiletten und Behindertenparkplätze. Ein Poker seit Mai 2014. Cohrt übernimmt den Erbbauvertrag vom damaligen Betreiber und will schnell neu eröffnen. Doch das Bellevue-Drama zieht weite Kreise: Weder die Wasserterrasse noch der Wintergarten sind legal errichtet worden, Nachbesserungen die 2007 verordnet wurden, sind nur ansatzweise geschehen. Hinzu kommt eine steigende Pacht für Cohrt durch die Stadt. Zunächst heißt es noch „wir öffnen am 1. Juli“. Wenig später dann die Ernüchterung, dass es 2014 nichts wird mit dem Bellevue. Grund sind die hohen Kosten, die im Fall des Falles auf den Investor zukommen. Lange passiert nichts.

Im Januar 2015 setzt Flensburg dem Investor die Pistole auf die Brust, setzt eine Frist. Anfang Februar fordert die Stadt das Pachtgrundstück dann wegen Untätigkeit zurück. Es ist das Ende eines Versuchs, mit der Stadt Flensburg einen fairen Pachtvertrag auszuhandeln. Ein achtwöchiges Moratorium wird für das 1014-Quadratmeter-Gründstück verabschiedet: Der Zeitraum, in dem ein neuer Betreiber gefunden werden soll. Und der findet sich. Die Flensburger Brauerei kauft das Gebäude, will es grundsanieren und spätestens im September wieder in Betrieb nehmen. Aktuell ist das Gebäude bereits eingerüstet. Es sieht nach Fortschritt aus und dennoch hat der Brauerei-Chef am Ende seine Zweifel: „Wir gehen unternehmerisch ins Risiko und wir vertrauen darauf, dass uns die Stadt am Ende nicht hängen lässt.“ Ende offen!

 

Das jährliche Vergabe-Drama: Beach-Club

Vertrautes Bild aus vergangenen Tagen: Der neue Betreiber will wieder mit einem sommerlich ansprechenden Ambiente an den Start gehen.
Vertrautes Bild aus vergangenen Tagen: Der neue Betreiber will wieder mit einem sommerlich ansprechenden Ambiente an den Start gehen. Foto: sh:z
 

Seit 2009 gibt es den Beach-Club in direkter Nachbarschaft zum Bellevue. Zuvor gab es ihn in Sonwik, später an der Harniskaispitze. Vorher scheiterten Versuche, einen Stadtstrand an der Hafenspitze zu etablieren, am Widerstand der Stadt. Im Zuge der 725-Jahr-Feier der Stadt änderten die Politiker dann ihre Meinung. Der Beach-Club sei eines der Highlights der Jubiläumsfeierlichkeiten hieß es. Die Erlaubnis für das sommerliche Vergnügen wird erteilt. Auch 2010 gibt es ihn wieder – mit neuem Betreiber „Shamrock“. Allerdings erstmal nur für eine Saison. Der Grund: 2009 wurde der Beach-Club zu lieblos geführt. Die Vergabe für 2011 lässt dann auf sich warten, denn neben dem „Shamrock“ bewarb sich auch das Bellevue von nebenan. Das Rennen machte Ute Johannsen vom „Shamrock“ – auch 2012.

2013 dann ein böses Spiel um die Vergabe der Konzession. Wieder konkurrieren Ute Johannsen, das Bellevue und zwei weitere Bewerber um die Lizenz für die Saison 2013. Die erhält nach Irrungen und Wirrungen dann das Bellevue. Bei der Vergabe wird indes mangelnde Transparenz kritisiert, denn auch zwei weitere Bewerber schauen trotz gutem Konzept in die Röhre. Ob die Insolvenz des Shamrock, das den Beach-Club die drei Jahre zuvor betrieben hatte, ausschlaggebend war, bleibt unklar. Als bekannt wird, dass auch das Bellevue insolvent ist, fehlt noch im Mai 2013 die gaststättenrechtliche Konzession. Am Ende kann es aber dennoch losgehen. 2014 bekommt dann ein Neuling die Erlaubnis, Karibik-Flair an der Hafenspitze zu verbreiten. Der Vorjahresbetreiber, das Bellevue, ist pleite. Am Ende der Saison wird bekannt, dass der neue Betreiber ehemalige Mitarbeiter um ihren Lohn gebracht hat und auch noch weitere Außenstände hat. Dann kommt die Insolvenz. 2015 wird die Förde Show Concept den Beach-Club betreiben. Zuvor hatte es noch Streit gegeben, da der Vorjahresbetreiber den Zuschlag erhielt. Als die Zahlungsrückstände bekannt wurden, gab es Zweifel. Eine niemals endende Geschichte?

 

Widerstand und Panzer: Die Pläne ums Galwik-Hotel

So hätte ein viergeschossiger Hotelneubau aussehen sollen.
So hätte ein viergeschossiger Hotelneubau aussehen sollen. Foto: Architekten Asmussen & Partner

Fleischtransporte nachts ab zwei Uhr, 1000 Arbeiter die zur Arbeit pendeln und Panzer, die zur Prüfung von der FFG (Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft) zur Werft rattern. Das ist nach Plänen der Stadt Flensburg der prädestinierte Standort für ein neues Hotel. Zumindest war es so, Anfang 2014. Schnell gibt es Gegner für das Vorhaben, namentlich FFG, Niro Petersen, die FSG (Flensburger Schiffbau Gesellschaft), das Flensburger Fleischkontor und die Westindien Compagnie Seehandelsgesellschaft. In einem Brief äußern die Unternehmen arge Bedenken gegen einen Hotelstandort inmitten der Industrie, sehen sogar Entwicklungschancen in Gefahr. Der Lärmschutz ist entscheidend für die Eignungsfrage als Hotelstandort, heißt es von Seiten der Stadt.

Am 11. November 2014 soll das Projekt mit der Erteilung des gemeindlichen Einvernehmens im Planungsausschuss die entscheidende Hürde nehmen. Dafür gibt es lange Zeit eine deutliche Mehrheit. Ein Lärmgutachten bescheinigt die Machbarkeit, den Widerstand der umgebenden Betriebe um die beiden industriellen Schwergewichte FFG und Flensburger Schiffbau-Gesellschaft glaubt die Mehrheit vernachlässigen zu können.

Als aber die Gutachterfirma beginnt, diese gewerblichen Kritiker mit gerichtlichen Unterlassungsverfügungen zu beharken, zog sich die CDU-Fraktion aus der Koalition der Willigen zurück. Eine von der FFG beauftragte Expertise setzt kurz danach noch eins drauf. Sie kommt zu dem Ergebnis, im städtischen Gutachten seien die Testfahrten tonnenschwerer Panzerfahrzeuge gar nicht berücksichtigt worden. Die von der Stadt beauftragte Firma macht daraufhin für die fehlenden Daten die mangelhafte Kooperation der FFG verantwortlich, die keine Informationen herausgegeben habe.

Dann die Nachricht in letzer Sekunde: Das Galwik-Hotel am Brauereiweg wird nicht gebaut. Der Umwelt- und Planungsausschuss hatte das schon weit fortgeschrittene Projekt gekippt – mit den Stimmen fast aller Fraktionen. Damit wurde letzten Endes dem öffentlichen Druck, der vor allem durch die Geschäftsführung und zuletzt auch die Belegschaft der FFG aufgebaut wurde, nachgegeben. Viel Lärm um nichts!

 

Luftschloss statt Luftschiff: Harniskai

Die Luftschlossfabrik am Harniskai.
Die Luftschlossfabrik am Harniskai.

Ein Paradebeispiel für waghalsige Pläne ist das Gerangel um die Nutzung des brachliegenden Geländes am Harniskai. Von Hightech an der Förde war die Rede. Von einer britischen Firma mit gutem Ruf und einer deutscher Gesellschafterin, die an der Förde Flugboote bauen möchte. „Highship Industries Ltd.“ entpuppt sich als Luftschloss und der 2010 geschlossene Erbbauvertrag mit Investorin Barbara Geisel wird rückabgewickelt, da nach zwei Jahren Leerstand nichts auf dem Gelände passiert war und weder regelmäßig Pacht bezahlt, noch hochtechnische Luftboote gebaut wurden. Die Stadt fiel auf ein Plagiat herein.

Die Gebäude werden in der Folge lange Zeit ihrem Schicksal überlassen und verfallen zusehends, bis eine engagierte Gruppe die „Luftschlossfabrik“ ins Leben ruft. Das Kulturangebot erfreut sich heute großer Beliebtheit. Nachdem das von der Stadt betriebene Rückübertragungsverfahren des Erbbau-Grundstücks Anfang Februar 2015 nunmehr rechtskräftig geworden ist, hat die Stadt ihrer Ex-Partnerin eine Frist bis zum 20. Februar gesetzt. Bis dahin hat die von der Kauffrau Barbara Geisel kontrollierte Firma Tycoon GmbH & Co KG Zeit, das Grundstück in den Ursprungszustand zurückzuversetzen. Doch die Frist verstreicht. Jetzt geht es um große Pläne für den Harniskai und das gesamte Ostufer. Dürfen die „Besetzer“ der Luftschlossfabrik bleiben oder wird geräumt? Fest steht, dass das Gespräch gesucht werden soll, wie die Harniskaispitze künftig genutzt wird – auch mit den derzeitigen Bewohnern. Ein Buch mit vermutlich weiteren Kapiteln.

 

Langer Spaziergang: Neue Hafen-Promenade

So ähnlich wird er aussehen, Flensburgs neuer Laufsteg am Hafen-Westufer: Streckmetallzaun, Betonbelag, Leitlinie, Stahlgeländer, Aussichtsbalkon.
So ähnlich wird er aussehen, Flensburgs neuer Laufsteg am Hafen-Westufer: Streckmetallzaun, Betonbelag, Leitlinie, Stahlgeländer, Aussichtsbalkon. Foto: Entwurf: Kessler-Krämer
 

Die Stadt Flensburg stellt im September 2013 erstmals konkrete Pläne und Kosten für Kaikantensanierung, Wasserplatz und Wanderweg am Westufer der Förde vor. Zwischen Nordertorkai und Galwik-Marina entsteht die Hafenpromenade - aus Beton gegossen. Die neue Westpromenade wird im Wesentlichen vor der vorhandenen Kaikante ins Wasser gebaut, zum Teil auf eine in den Hafengrund zu rammende Spundwand, zum Teil auf Pfähle. An drei Stellen sind Aussichtspunkte über Hafen und Innenförde vorgesehen. Schön. Der Weg wird von den Industriebetrieben am Ufer durch einen hohen Zaun abgegrenzt, durch ein Geländer aus Stahl zum Wasser hin gesichert und beleuchtet. Er kann von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden und wird so zu einem Teil des Ostseeküstenradwegs.

Alles zusammen soll 10,5 Millionen Euro kosten. Vor wenigen Jahren war noch von sieben Millionen die Rede. Bund und Land beteiligen sich aber mit 5,6 Millionen. Nach Abzug bereits beschlossener und damit zur Verfügung stehender Mittel muss die Stadt nur 830.000 Euro neu finanzieren, verteilt auf den Zeitraum bis 2016. Dann soll tatsächlich alles fertig sein. Das Projekt stößt auf Begeisterung und Zustimmung in der Flensburger Kommunalpolitik. Ein Baustart war für 2014 geplant. Jetzt schreiben wir 2015. Passiert ist bislang nichts. Ob nächstes Jahr alles wie geplant fertig ist?

Einzelhandel: Tedox kann, was Poco nicht darf

Überraschung im Industriegebiet Süd: Während Bahr-Inhaber Poco hier keinen Einrichtungsbaumarkt eröffnen darf, ist der Weg für Renovierungsdiscounter Tedox frei – als Mieter von Poco.
Überraschung im Industriegebiet Süd: Während Bahr-Inhaber Poco hier keinen Einrichtungsbaumarkt eröffnen darf, ist der Weg für Renovierungsdiscounter Tedox frei – als Mieter von Poco. Foto: Michael Staudt
 

Der Poco-Markt möchte gern kommen, aber darf es nicht. Im Februar 2014 hatte Max Bahr seinen Baumarkt an der Bleiche in Flensburg geschlossen. Die neuen Hausherren möchten gerne anfangen, der Bebauungsplan der Stadt erlaubt dies aber nicht. Grund: Die Stadtplanung und die Mehrheit der Ratsversammlung möchte das Grundstück künftig gewerblich nutzen, also nicht mit Einzelhandel. Die Betreiber Kurz und Hildebrandt werben mit 70 festen Arbeitsplätzen, davon 60 Vollzeitjobs, guter Schulung, Weiterbildung und pro Lehrjahr mit drei bis vier Azubis. 2,5 Millionen Euro sollen in Flensburg investiert werden, doch die Stadt schiebt Poco einen Riegel vor.

Dann die überraschende Nachricht im Februar 2015. Die Firma Tedox aus Harste bei Göttingen, die bislang mit je einer Filiale in Neumünster und in Raisdorf bei Kiel sowie vielen weiteren im gesamten Bundesgebiet vertreten ist, hat nach eigener Bekundung bereits eine Einigung mit der Stadtplanung erzielt und möchte hier so schnell wie möglich einen ihrer Läden für Wohnbedarf eröffnen. Doch was mit Tedox jetzt kommt, ist purer Einzelhandel. Tedox ist eine Art Discounter für Wohnbedarf, also Bodenbeläge, Wohntextilien mit Gardinen, Farben, aber auch Betten, Matratzen, Möbel, Lampen und vieles mehr. Ein plötzlicher Sinneswandel? Ein Jahr soll es maximal bis zur Eröffnung dauern. Viel Spielraum für weitere Überraschungen. Und dann waren da ja noch die ehemaligen Bauhaus-Gebäude...

 

Zwei Spuren, vier Spuren: Kielseng

Derzeit überwiegend zweispurig: Kielseng mit Baustellen.
Derzeit überwiegend zweispurig: Kielseng mit Baustellen. Foto: staudt
 

Ein Jahr dauern die Diskussionen im Planungsausschuss über die künftige Gestalt des Straßenzugs Kielseng/Ballastbrücke. Fünf Varianten wurden durchgespielt, die billigste Lösung mit 2,4 Millionen Euro Kosten kommt. Im November 2013 begannen die Überlegungen, wie nach der Dauerbaustelle Kielseng dort künftig der Verkehr geregelt werden soll. Eine Idee ist die Lösung mit vier Spuren, von denen zwei als Bus- und Fahrradspur abgetrennt werden. Kostenpunkt: 2,7 Millionen Euro.  Es werden Gutachten erstellt, die eine Zweispurigkeit als machbar attestieren und die Träume von SPD, Grünen und Linken um einen Express-Radweg befeuern. Am Ende bleibt doch alles beim Alten. In zwei Phasen werde nun wieder hergestellt, was vorher auch da war, heißt es. Gewartet wird mit dem südlichen Teil bis feststeht, wie sich das Hafen-Ostufer im Bereich der Silos entwickelt. Die Pläne nehmen langsam Gestalt an. Bevor geplant wird, sollen auch die Bürger mit ins Boot geholt werden. Überarbeitet werden soll das Ostufer von der Hafen- bis zum Harniskaispitze. Es bahnt sich ein neues Großprojekt an.

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erstellt am 07.Apr.2015 | 19:23 Uhr

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